Barcelona, Baby!

Wieder ein Lieblingsmensch. Wieder eine neue Stadt. Die fünfte Station auf meiner Tournee durch Europa.

Wir fliegen morgens los, vom Flughafen meiner kleinen Heimatstadt, und landen in Girona an der Costa Brava. Von dort aus sind es etwa anderthalb Stunden Fahrt mit dem Bus. Die Zeit vergeht schnell, ich habe schließlich viel zu erzählen von meiner kleinen Tournee und anderem, was das Leben sonst so zu Geschichten formt.

Unser Hotel, wenn man es so nennen möchte, ist diesmal – ausnahmsweise – kein AirBnB-Apartment. Ich habe einen Tipp bekommen, der noch viel günstiger ist als AirBnB: Wir haben im Melon District gebucht, einem Studentenwohnheim, das auch Zimmer tageweise an Touristen vermietet. Zu zweit zahlen wir 120 Euro für zwei Nächte. Für Barcelonische Verhältnisse beinahe übertrieben günstig. Wir haben das Haus am Poble Sec gewählt, es gibt auch noch eines mit Namen Marina, das sich näher am Strand befindet. Von der Entfernung zu allem anderen Sehenswerten in Barcelona macht es aber keinen Unterschied. Wir werden dort freundlich von zwei jungen Damen empfangen, das Studentenwohnheim-Flair umfängt mich sofort. Das Zimmer ist klein, ebenso das Bad, man kann sich gerade so bewegen; aber wir sind ohnehin nur zwei Nächte hier und haben nicht vor, länger, als die Dunkelheit über der Stadt liegt, hier zu verbringen. Es ist sauber und modern eingerichtet, mehr brauchen wir nicht. Außerdem gibt es einen Pool auf dem Dach. Bei warmen spätsommerlichen Temperaturen denken wir kurz darüber nach, hinein zu springen, schaffen es aber den ganzen Aufenthalt über nicht. Wir sind in Barcelona, Baby, wer will da schwimmen gehen?

Sie und ich haben den gleichen Essensrhythmus; unsere Mägen knurren immer zur gleichen Zeit – vielleicht, weil wir uns jeden Tag mindestens acht Stunden gegenüber sitzen und uns dabei hin und wieder über den Bildschirm liebevolle Blicke oder wirre Worte zuwerfen. Deshalb müssen wir sofort und dringend etwas Essbares suchen. In dem Viertel, in dem wir wohnen, im Poble Sec, gibt es viele kleine Bars und Cafés, nach kurzer Zeit werden wir fündig und sitzen auf der Dachterrasse des Federal Café und essen Falafelsalat. Den Einheimischen scheint es zu kalt zu sein, sie sitzen innen, aber wir genießen die letzten Sonnenstrahlen des Indian Summer.

Neben unserer analogen Magenrhythmik ist auch unser Orientierungssinn gleich rudimentär ausgebildet. Unsere weiblichen Vorfahren scheinen wohl allesamt kaum aus ihrer Höhle gekrochen zu sein; Orientierungslosigkeit ist bei uns also genetisch vorprogrammiert. Schade, wir gehen beide so gerne nach draußen. Dieses Unvermögen machen wir mit kartografischem Halbwissen zwar fast wieder wett, aber es hält uns sicher nicht davon ab, im Stechschritt durch die Stadt zu rennen. Wenn wir dann doch mal im Sprint in die falsche Richtung laufen, sind wir schließlich genauso schnell wieder auf dem richtigen Weg. Und dann gibt es da diese Irrwege, die uns Orte zeigen, die wir nie gefunden hätten, wären wir immer auf dem richtigen Pfad geblieben. Orte voll Schönheit und Leben, abseits des Spektakels und der inszenierten Wirklichkeit, wie sie Barcelona zu Hauf zu bieten hat.

Wir bummeln (was wir in unserer Geh-Geschwindigkeit so als Bummeln bezeichnen würden) ein wenig durch die Stadt, kaufen ein bisschen ein, lassen uns treiben und saugen die Stadt in uns auf. Abends wollen wir dem Tipp einer Freundin folgen und die Bar Calders aufsuchen, dort soll es wunderbare Tapas geben. Leider sind draußen wie drinnen alle Plätze belegt. Wir lassen uns auf eine Warteliste setzen und werden gebeten, in einer Stunde wiederzukommen. Wir vertreiben uns die Zeit bis dahin mit einem Glas Wein in einer Bar um die Ecke, Bar Tarannà. Dort kommen wir mit einem kanadischen Musiker ins Gespräch, ein junger Blonder mit Zopf und französischem Akzent. Er hat schöne blaue Augen und sagt kluge Dinge, vielleicht habe ich auch eine kleine Schwäche für französischen Akzent. Das ist irgendwie inspirierend und als ich später seine Musik höre, finde ich Gefallen daran. Aber wir haben ja Termine, wir müssen los, die Bar Calders ruft und wir eilen zu unserem Tisch. Wir haben nicht einmal mehr großen Hunger, bestellen aus Pflichtgefühl dennoch ein paar Tapas und trinken tief roten, samtig die Zunge umspülenden Rotwein. Barcelona schmeckt mir. Als wir nach Hause laufen, gehen wir abseits der großen Straße noch eine Runde durch kleine, bunte Gassen, vorbei am museu d’art contemporani de barcelona. Hier fühlt es sich nicht nach Tourismus an, sondern nach Barcelona.

image

Ich glaube, bereits zu diesem Zeitpunkt stelle ich fest, dass Barcelona voll von schönen Männern ist. Große, dunkelhaarige Typen mit intensiven dunklen Augen und einer ausgefeilten Architektur der Kieferknochen. Ich bin schließlich immer auf der Suche nach Schönheit, das ist das Motto meines Lebens. Was Belgrad an schönen Frauen zu bieten hat, spuckt mir Barcelona an schönen Männern entgegen.

Am nächsten Tag, nach einer schnuckligen Nacht im schnuckligen Bett und einer chlorlastigen Dusche im schnuckligen Bad des Melon District, frühstücken wir im Moritz. Obwohl ich grundsätzlich kein Bier trinke, bin ich von den Sudpfannen im Gewölbekeller auf dem Weg zur Toilette fasziniert. Die riesigen metallischen Behältnisse glänzen hinter der Verglasung und zeugen von liebevoll-anstrengendem Handwerk. Das Frühstück ist aufgrund der Langsamkeit der Bedienung etwas zäh, aber schließlich werden wir satt und irgendwann dank des Kaffees auch wach.

image

Da der Lieblingsmensch, der mich begleitet, zusätzlich noch einen anderen Lieblingsmenschen gefunden hat und eben jenem in wenigen Monaten ein lebenserfüllendes Versprechen geben wird, machen wir uns auf die Suche nach einem Kleid für den Akt dieses Gelöbnisses. Barcelona scheint uns dafür die ideale Stadt zu sein, schließlich sind hier Marken wie Pronovias und Aire zu Hause. Wir haben bereits am Tag zuvor einen Termin bei Aire vereinbart und tauchen nun ein in eine Welt voll von weißer Spitze, luftigem Tüll, engen Korsagen und ausschweifenden Röcken. Über zwei Stunden bemüht die bezaubernde Beraterin sich, ihr in Kleider zu helfen, Komplimente zu machen, gutes Englisch zu sprechen und weitere Kleider auszusuchen. Dennoch. Sie spürt es, ich spüre es. Das ist es nicht. Das ist nicht ihr Kleid. Auch wenn sie in jedem einzelnen fabelhaft aussieht und auch wenn sie nun ein schlechtes Gewissen ob der Bemühungen der Verkäuferin plagt, müssen wir die Tüll gewordenen Zugeständnisse als eben solche zurücklassen.

Nach kurzweiligem Hin- und Herspazieren und -fahren beschließen wir, zum Strand zu gehen. Kurz hinter den Straßen breitet sich vor uns die blaue Masse der wallenden Freiheit aus. Schuhe aus, Socken aus, Füße im Sand. Mitten im Oktober stehe ich mit nackten Füßen im kalten Wasser und beobachte Menschen und Halbwale beim Baden. Ein Moment der Zufriedenheit überkommt mich. Kein Gedanke an Gestern oder Morgen oder Irgendwann, ich bin einfach nur hier, mit nassen Füßen und Wind in den Haaren, der Blick auf eine unendliche Weite, die nur fürs Erste durch den Horizont getrennt wird.

Auf dem Weg zur Metro-Station – wir wollen eigentlich weiter zum Montjuïc – hören wir von irgendwoher Musik. Fast magisch zieht sie uns an und wir folgen dem Latino-Rhythmus. Auf einem kleinen Platz inmitten kleiner Gassen haben sich Menschen versammelt und tanzen Salsa. Hier fühlt sich alles so sehr nach Lebensfreude und Unbeschwertheit an, dass wir beschließen, uns hier niederzulassen, Tapas zu bestellen und Sangria zu trinken. Der Sangria kommt in Gläsern, die an die Größe einer Eimers reichen und er schmeckt nach Sommer und Leichtigkeit. Nach einem Glas hat sich mein Blick leicht vernebelt, die Musik hat sich in meinen Knochen und Sehnen festgesetzt und letztendlich können wir uns nicht mehr zurückhalten und tanzen durch die Menge, bis wir uns inmitten der Menschen befinden und einfach mitmachen.

Als wir uns irgendwann wieder lösen können, fällt uns der Tipp einer Freundin wieder ein, die uns Can Paixano (La Xampanyeria) empfohlen hat. In meinem naiven Schubladendenken stelle ich mir eine edle Lounge vor, wo man verhältnismäßig günstigen Champagner serviert bekommt. Als wir bei der genannten Adresse ankommen, befürchte ich, dass wir falsch sind. Dennoch gehen wir hinein – oder besser gesagt, wir drücken uns durch die Menschenmassen, die bereits am Eingang stehen. Der Türsteher verspricht uns lapidar, dass es hinten viel besser sei, man müsste sich nur durchquetschen. In der Hoffnung auf ein wenig Bewegungsfreiheit tun wir, wie uns geheißen, und landen schließlich im hintersten Eck der Bar. Erst jetzt habe ich die Gelegenheit, mich richtig umzusehen. Es sieht aus, als wären wir in einer Metzgerei gelandet, von der Decke hängen Schweineschinken im Ganzen – für mein vegetarisches Herz leicht schmerzhaft, aber dennoch dem Flair des Raumes zuträglich. Auch sonst ist es hier rustikal und urig, Stühle oder andere Sitzgelegenheiten sind nicht vorhanden. Es gibt Cava zu trinken, in verschiedenen Varianten, das Glas etwa 1,50 Euro. Nach kurzer Zeit finden wir einen an die zwei Meter großen Kerl, der unsere Bestellung an die Theke weitergibt, da wir – obwohl beide nicht gerade klein – keine Chance auf ein Durchkommen haben. Serviert wird in der Schaumweinschale. Eben jene wird mir zum Verhängnis: die in die Breite gezogenen Schalen bergen nämlich die Gefahr, beim Anstoßen leicht überzulaufen. Da das aufgrund der vielen Menschen kaum zu vermeiden ist, trinke ich schnell und ausdauernd die Gläser wie Wasser aus. Zudem schmeckt das sprudelnde Getränk gar zu köstlich, sodass ich nicht im Geringsten nachverfolgen kann, wie viele Gläser ich mir davon einverleibt habe. Der Große ist mit einem Argentinier unterwegs, der kaum ein Wort Englisch spricht. Er ist Schmusesänger in seiner Heimat und singt des Nachts mit sanfter Stimme noch Lieder von der Liebe und von Evita. Ich bin nicht sicher, ob ich lachend oder leiderfüllt dreinblicken soll. Der Große will uns eine Bar auf einer Dachterrasse zeigen, wir begleiten die beiden. Dort oben, im 1881 über dem museu d’història de catalunya kostet mein Leibgetränk, der gute, alte Gin Tonic, 15 Euro. Vielleicht liegt es am Blick auf den nächtlich beleuchteten Hafen, der mich sentimental und wohlig warm fühlen lässt, dass ich bereit bin, diesen Preis zu zahlen. Als wir gehen, mache ich dennoch eine kleine Rechnung in meinem etwas bewölkten Kopf auf. Wenn ich 15 Euro für einen Drink zahle, ist da doch sicher noch ein Extra dabei? Ich sehe die bunten Untersetzer, auf denen die Gläser stehen, und habe das Bedürfnis, einen mitzunehmen. Als Erinnerung. Sie stachelt mich an, möchte auch gerne einen und ich klaue zum ersten Mal in meinem Leben. Wirklich! Ich habe noch etwas mitgenommen, ohne zu bezahlen. Ich nehme also die beiden Untersetzer in die Hand, schiebe sie unter meine Jacke; und auf dem Weg durch das Restaurant zum Aufzug rechne ich damit, von hinten überwältigt und auf den Boden geworfen zu werden, den Arm auf den Rücken gedreht zu bekommen und einen Haftbefehl zu erhalten. Als wir im Aufzug stehen und immer noch nichts passiert ist, erwarte ich unten, beim Öffnen der Türe, ein Sondereinsatzkommando mit auf mich gerichteten Schusswaffen. Solche mit diesen Laser-Dingern, die ein genaueres Zielen ermöglichen. Auch unten geschieht – nichts. Ich habe wohl sehr sauber und gründlich gearbeitet.

Am Tag nach der alkoholischen Testung nehmen wir an einer Free Walking Tour teil, es geht dabei um Modernisme, die Baukunst, die vor allem von Architekten wie Gaudì erschaffen wurde. In unserer Gruppe sind einige ältere Herrschaften, die selbst dem langsamen Tempo, das wir vorlegen, nicht hinterherkommen (und diesmal waren wir wirklich langsam, wir wären beinahe rückwärts gelaufen).

image

Unser Guide hat Ähnlichkeit mit einem Obdachlosen: Sein langer, dünner Zopf geht nahtlos in seinen ungetrimmten, weit vom Gesicht abstehenden Bart über, sein T-Shirt ist an vielen Stellen durchlöchert und er riecht, als hätte er die letzten Wochen auf der Straße geschlafen. Und das, obwohl er uns erzählt, was er alles kann, was er alles macht und weiß. Er sei Künstler, Imker, Wissenschaftler und was weiß ich nicht mehr alles. Aber er führt uns gut durch die Tour, er scheint einiges zu wissen, was sich durchaus plausibel anhört. Abschluss der Walking Tour ist die Sagrada Familia. Zum Abschied besteht der Guide auf einem Küsschen links und einem Küsschen rechts. Er kommt ihr und mir für mein Empfinden damit etwas zu nahe. Man sagt so etwas nicht, ich weiß, aber ich ekle mich und fühle mich beschmutzt.

Von der Sagrada Familia aber bin ich beeindruckt. Viele Bilder habe ich schon gesehen von diesem Gotteshaus, aber das Ausmaß der Größe und die verschiedenen architektonischen Einflüsse bleiben auf diesen Aufnahmen stets verborgen. Es ist so anders, als ich es mir vorgestellt hatte. Wunderbar anders. Wir gehen dennoch nicht hinein. Ich mag diese Art von Touristen-Plätzen nicht. Nicht nur, dass hier für meinen Geschmack zu viele Menschen sind, auch bin ich stets auf der Suche nach echter Schönheit. Was dort einst erschaffen wurde und nun einem Heiligen Gral gleicht, wirkt hinter der Mauer aus staunenden Menschen abgegriffen und ausgesaugt. Als wäre die vormalige Schönheit von aller Augen verschlungen und über und über mit fettigen Hand- und Nasenabdrücken versehen worden. Nun steht dort eine leere Hülle, wo einst unvollendete Schönheit war, eine künstliche Inszenierung, wo einst künstlerische Wahrhaftigkeit war.

image

Trotz dieser Ansichten will ich natürlich das sehen, was man sehen muss, wenn man in Barcelona ist. Park Güell. Montjuïc. Castell de Montjuïc. Und dort oben finde ich wieder das, was mich vor Schönheit ergreift und verschlingt. Der Weg auf den Berg beginnt, mühsam zu werden, wir sind heute schon an die zwanzig Kilometer gelaufen. In dem uns üblichen Tempo. Bergauf. Wir überlegen noch, ob wir wirklich Eintritt für die Festung bezahlen sollen und beschließen, es zu tun, wir sind ja schließlich nur einmal hier. Wir verlangen nach dem ermäßigten Preis, sie zählt noch als Studentin. Die Dame am Schalter sagt: Heute ist der Eintritt kostenlos. Ich bestehe beinahe darauf, dass wir aber den ermäßigten Preis möchten, bis sie uns die Karten in die Hand drückt. Am Eingang müssen wir die Karten zeigen, sie werden abgerissen und wir hereingelassen. Drinnen müssen wir erst einmal lachen. Warum das ganze Brimborium, wenn der Eintritt ohnehin umsonst ist? Es wirkt, als hätte es heute Nachmittag eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahmefür drei Personen gegeben: Leute, heute verkauft ihr Gratis-Tickets!

Wir kommen genau zur richtigen Zeit oben an. Die Sonne hat den perfekten Stand erreicht, um den Himmel in ein Farbenspiel aus flieder, rosa und hellblau zu tauchen.

image

Von hier oben wird mir die Schönheit Barcelonas wie eine Essenz vor die Füße gelegt: Ich drehe mich zum Meer und sehe unendliche Weite. Ich drehe mich zum Hafen und sehe sehnsüchtig wartende Schiffe. Ich drehe mich ins Landesinnere und sehe herrschaftliche Berge, Landschaft, Natur. Ich drehe mich zur Stadt und sehe pulsierendes Leben. Ich drehe mich zu ihr und sehe eine wundervolle Wegbegleitung. Neben uns nutzen die Touristen das vor Schönheit triefende Licht des untergehenden Feuerballs, um sich in jeglichen Stellungen zu fotografieren. Wir machen ein, zwei Bilder mit der Einwegkamera und versuchen dann, die Fotografierenden, Selbstinszenierenden und Genusslosen um uns herum auszublenden. Es ist einer dieser Momente, in denen man sich als menschliches Geschöpf so unbedeutend und klein und demütig fühlt und nicht weiß, wie man es verdient hat, Zeuge dieser naturgewaltigen Schönheit zu werden. Das ist beinahe zum Kotzen.

Wir besuchen an diesem Abend noch ein weiteres Muss. Font Màgica. Ich habe noch nie über große Springbrunnen nachgedacht, geschweige denn den Versuch unternommen, irgendwo einen zu sehen. Hier ist er. Sie möchte ihn unheimlich gerne sehen, also gehen wir hin und ich schwelge emotional auf einem Grat zwischen Rührung und Überreizung; der ist noch viel schmaler als die Mauer, auf die wir uns gestellt haben, um besser zu sehen, weil der ganze Platz vollgestopft mit Menschen ist. Irgendwie zeugt dieses in die Luft katapultierte Wasser von Stärke, Kraft und Naturgewalt. Andererseits ist dieses musikalisch untermalte Schauspiel so künstlich und überzogen inszeniert, dass mein naturliebendes Herz beinahe blutet.

Da ich um 12 Uhr durch das Tor eines neuen Lebenjahres schreiten und danach vielleicht alt und gebrechlich sein werde, tun wir mir noch etwas Gutes. Ich bestelle mir im Cu-Cut weiße Schoko-Mousse, sie nimmt einen Brownie mit flüssigem Kern und Vanilleeis. Es ist mal wieder Zeit, ein Bad in Nahrungsmitteln zu nehmen. Eindeutig. Um Punkt zwölf Uhr steht einer der Kellner am Tisch, in der Hand einen Teller mit Brownie und Vanille-Eis und einer Kerze obendrauf. Ich lege mich nieder. Ich schmelze dahin. Dennoch versuche ich, die Kerze auszublasen, was mir leidlich gelingt, denn es ist eines dieser Kinder-Gimmicks, das sich immer wieder selbst entzündet. Ich lasse die Kerze ausbrennen und kann gerade noch rechtzeitig, vor dem Schmelzpunkt des Eises, das zweite Dessert des Abends genießen.

image

Sie möchte Salsa tanzen. Ich kann nicht Salsa tanzen. Ich bin außerdem ziemlich erledigt. An die 30 Kilometer stehen auf der Uhr. Zu Fuß wohlgemerkt. Wir gehen ins Mojito, es ist schön dort. Sie legt direkt los und tanzt. Keine Ahnung, wie sie das jetzt noch macht, vielleicht ist es die jahrelange Salsa-Übung. Ich klammere mich an meinen Gin Tonic, behalte die Jacke an und blicke äußerst finster drein, damit ja keiner sich traut, mich aufzufordern. Die Taktik funktioniert. Ich bin ganz schön am Ende. Ich habe heute rund viertausend Emotionen durchlebt, 30 Kilometer zu Fuß zurückgelegt und muss mir eine neue Zahl merken. Falls jemand fragt, wie alt ich bin. Ich bin wirklich am Ende. Ich verderbe ihr den Spaß, aber gegen halb zwei verlassen wir den Club, laufen ins Melon District und packen zusammen. Um 3.30 Uhr geht der Bus zum Flughafen, dort warten wir noch über eine Stunde auf den Abflug, ich bekomme die Augen nicht zu. Schließlich landen wir am heimischen Flughafen, mein Bruder bringt uns nach Hause zu meiner Mutter, die ein Geburtstagsfrühstück für mich vorbereitet hat, das sich gewaschen hat.

Wir haben so viel gesehen und getan und ich habe trotzdem das Gefühl, noch lange nicht durch zu sein, Barcelona. Du schmeckst mir, du beherbergst schöne Männer, du bist laut und voll, aber du hast, wenn man einen Platz ganz oben findet, eine Schönheit über dir schweben, von der ich nicht ausschließen kann, sie noch einmal betrachten zu wollen.

Das ist das Ende einer Reise durch einen klitzekleinen Teil eines bemerkenswerten Kontinents. Ein gebührendes Ende. Zumindest vorerst. There’s more to see. Patti, sag’ doch auch mal was.

https://www.youtube.com/watch?v=xch369f8viA

Schreibe einen Kommentar