DB.

Ich bin mit der Deutschen Bahn gefahren. Klingt spannend, ich weiß. Ich fahre recht häufig mit der Bahn, da ich geschäftlich immer wieder Baden-Württemberg durchqueren muss; privates Bahnfahren versuche ich dagegen eher zu vermeiden. In meiner romantisch verklärten Vorstellung ist Bahnfahren eigentlich eine erstrebenswerte Art der Fortbewegung: Man sitzt lesend und träumend auf einem bequemen Platz in einem angenehm temperierten Abteil und blickt nachdenklich auf eine mit Wiesenblumen bewachsene, eilig vorbei fliegende Landschaft. Das attraktive Anlitz des Mitfahrers links hinter mir spiegelt sich in der Scheibe, unsere Blicke treffen sich. Es ist Liebe! Ja, es ist Winter und es wachsen keine Wiesenblumen. Aber alles andere?! Das Bahnfahren ist eigentlich nicht der Rede wert, da das viele Millionen Menschen täglich tun, aber mal ehrlich: diesen Verein unfreiwillig Tätiger – oder gelegentlich freiwillig Untätiger – kann ich doch nicht gänzlich unkommentiert lassen. Ich möchte mich auch gar nicht aufregen, das soll kein Bahn-Bashing werden. Nennen wir es Bericht. Ein sachlich-objektiv-analytischer Bericht eines Ausnahmefalles; nämlich dem, dass der Fahrplan ausnahmsweise nicht exakt auf die Minute eingehalten werden kann. Ein Bericht über die Fahrt mit einem Verkehrsmittel, das mir über die Jahre mehr graue Haare und Sorgenfalten beschert hat, als es ein zehnköpfiges Stylisten- und Chirurgenteam jemals wieder zurechtoperieren könnte.

Letztens war das also folgendermaßen: Ich habe mich dazu entschlossen, die Fahrt zu einer Freundin in einem außerschwäbischen Gebiet Deutschlands (ja, das soll es geben – geografische Abschnitte außerhalb Schwabens!) auf mich zu nehmen. Ich wohne am Ende der Welt, oder zumindest kann man es als ländliches Streckengebiet ohne Anbindung an infrastrukturelle Errungenschaften der Neuzeit bezeichnen; es ist das Schussental der Glückseligen. Es ist schön dort. Man muss es aber auch schön finden, denn man kommt ganz schwer wieder weg. Und wenn man mal weg ist, kommt man ganz schwer wieder zurück. Man sollte also immer ein Survival Kit dabei haben, wenn man mal rausfährt. Mit Zahnbürste und Schlafanzug und Pfefferspray und kleiner Machete und Ziegelsteinen für eventuellen Hüttenbau. Aber ich finde es schön, deswegen wohne ich da. Wirklich!

Los geht es also, raus aus der Idylle. Schon die Hinfahrt ist ein reines Vergnügen. Für Menschen, die gerne warten oder rumstehen oder sich ärgern ist es das. Der Zug hat nämlich 25 Minuten Verspätung. Das gibt mir ausreichend Zeit, auf dem Bahnsteig gegenüber die kleinstädtische Drogenszene beim netten mittäglichen Plausch zu beobachten und der jungen Dame mit dem dicken Dübel in der Hand telepathisch rettende Mantren zusprechen zu können. Es scheint nicht zu helfen. Wenigstens steht sie im Raucherbereich – innerhalb der gelben Linie. Aus dem Mädel wird bestimmt mal was! Als der Zug endlich kommt, stehe ich mit Unterbrechungen zweieinhalb von etwa sechs Stunden im völlig überfüllten Abteil. Mit mir an Bord: Menschen, die vergessen, dass sie mülltonnengroße Rucksäcke auf ihren Rücken tragen und sie daher beim Umdrehen auf dem Gang den daneben sitzenden Fahrgästen sanft über den Scheitel streifen. Aber: Ich lese, sogar im Stehen. Ich schaffe anderthalb Bücher. Und ich komme schließlich an. Tatsächlich! Ich würde behaupten, das liegt einzig und allein an meiner psychischen Stärke, an meinem Durchhaltevermögen, meiner Geduld und inneren Ruhe. Und es kam nicht einmal jemand zu Schaden.

Nach einem Wochenende in der dicht bevölkerten Zivilisation (die haben da sogar Gin Tonic und Mojito!), ist es Zeit für mich zu gehen. Denn da ich leider Pfefferspray und Machete vergessen habe, muss ich wieder dorthin zurück, wo ich hergekommen bin. Ich freue mich schon auf die Rückfahrt, denn nun kann ich wieder stundenlang lesen und Menschen und Wiesenblumen beobachten und nachdenken und nachdenken und nachdenken und nachdenken und mich aufregen. Diesmal habe ich einen Sitzplatz reserviert, ich bin ja schließlich lernfähig. Mein Zug hat 25 Minuten Verspätung. Wunderbar, 25 ist dieses Wochenende meine Zahl! Das bringt meine Stimmung, die nach dem Wochenende auf ihrem beinahe überkochenden Höhepunkt ist, wieder zurück auf den Nullpunkt. Man soll ja schließlich aufhören, wenn es am schönsten ist. Ich habe sechs Stunden Fahrt vor mir und zwei Umstiege, von denen ich mit der angekündigten Verspätung nicht einmal den ersten schaffen werde. Problem: Ich habe den allerletzten möglichen Zug an diesem Tag gebucht. Und wie gesagt, ländliches Streckengebiet ohne Anbindung und so weiter. Ich bin jedoch ein hoffnungsvoller Mensch und denke: Vielleicht schaffen wir den Zug noch. Vielleicht geschieht ein Wunder und der Anschluss-ICE wartet 20 Minuten auf uns. Ich frage die Schaffnerin, was meine Möglichkeiten sind. Sie sagt, ich solle bereits beim nächsten Bahnhof aussteigen und nach Stuttgart weiterfahren, dann bin ich zumindest näher an meinem Zielbahnhof, als wenn ich zum ersten Umstiegsbahnhof weiterfahre und dort den Anschluss verpasse. Ich glaube ihr, packe meinen Koffer und all meine Habseligkeiten zusammen und gehe zur Tür. Adieu, Sitzplatzreservierung! Kurz vor dem Halt, mit kurzem Blick auf mein Handy, stelle ich fest, dass der Zug, in dem ich mich befinde, nach Stuttgart fährt. Ich frage die Schaffnerin: Dieser Zug fährt doch nach Stuttgart, warum soll ich dann umsteigen? Sie sagt: Nein, der Zug fährt nach Karlsruhe. Ich sage: Aber im Internet steht, dieser Zug fährt nach Stuttgart. Sie sagt: Nein, der fährt nach Karlsruhe. Ich sage: Aber wieso steht dann da Stuttgart? Sie sagt: Stimmt, wir fahren nach Stuttgart. Ich denke: Bin ich froh, dass sie hinten steht und Fahrkarten kontrolliert und nicht den Zug vorne lenkt. Wer weiß, wo ich an diesem Tag sonst angekommen wäre. Wie weit reicht denn das Schienennetz der Deutschen Bahn? Geht das nahtlos in das Schienennetz der Schweiz und Italiens über und führt über das Mittelmeer nach Nordafrika bis nach Tansania? Schön, ich wollte sowieso bald mal wieder hin. Nun gut, ich fahre also weiter Richtung Stuttgart, um vielleicht bei Umstieg eins irgendeinen Zug zu erwischen. Hello again, Sitzplatzreservierung!

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Und dann das Unglaubliche: Kurz vor Umstieg eins. Eine Durchsage im Zug tönt, dass der ICE, den ich hier nehmen muss, auf uns wartet. Ich kann mein Glück kaum fassen, ich jubiliere, ich triumphiere, ich umarme die umstehenden Mitreisenden, ich tanze meinen Namen und sprinte los. Gottseidank bin ich körperlich super fit, trainiert durch die Jagd nach Nahrungsergänzungsmitteln in der oberschwäbischen Wildnis. Gerade als ich aussteige, fährt ein ICE an meiner Nase vorbei. Ich denke nicht darüber nach. Ich habe keine Zeit zum Denken, ich muss sprinten. Ich sprinte also. Gleis entlang. Treppe runter. Treppe hoch. Aufs andere Gleis. Kein Zug da. Es sollte sich herausstellen, dass der abfahrende Zug derjenige war, der hätte warten sollen. Ich rege mich nicht auf. Ich kann mich gar nicht aufregen, denn meine körperlichen Kapazitäten sind durch den Sprint und das Gewicht meines Gepäcks vollständig vereinnahmt. Das Survival Kit im Koffer fordert seinen Tribut. Ich sprinte also wieder zurück zu dem Zug, aus dem ich ausgestiegen bin. Gleis entlang. Treppe runter. Treppe hoch. Aufs andere Gleis. Die Türen schließen bereits. Ich kann im letzten Moment noch zusteigen, aber nicht, ohne leichte Quetschungen an Armen und Beinen durch die sich wie ein Haifischmaul schließende Tür davonzutragen. Jetzt sitze ich also wieder im Zug nach Stuttgart. Da muss ich aber nicht hin. Immerhin ist es näher als die Stadt, in der ich sonst wie ein ausgedörrter Wal gestrandet wäre.

Übrigens – wer beim zweiten Umstieg oder der fünften Umstiegsmöglichkeit geistig ausgestiegen ist: Es ist völlig egal, wo wann welcher Umstieg ist/war/hätte sein sollen. Mir ging es irgendwann genauso. Aber nun, weiter geht die Reise: Da Stuttgart über relativ breit gefächerte Verkehrsanbindungen verfügt, kann ich noch einen weiteren Zug in die nächste Stadt nehmen, wieder ein wenig näher am Ziel, ich kann die oberschwäbische Luft beinahe riechen. Ich taste mich langsam vor zu meiner persönlichen Endstation. Von der Stadt aus, in die ich jetzt fahre, besteht aber nicht die Möglichkeit, weiterzukommen. Jetzt bin ich doch der Wal. Ausgedörrt bin ich ohnehin schon. Falls ich tatsächlich eine Nacht am Zwischenhalt im Hotel verbringen muss – womit ich nach der Aussage des höchst freundlichen Service-Schalter-Mitarbeiters am Bahnhof mittlerweile fest rechne – würde ich am nächsten Tag vom freiwillig Tätigen zum unfreiwillig Untätigen. Ich habe grundsätzlich kein Problem damit, in einem Hotel zu schlafen, das wäre eigentlich ganz nett, aber morgen ist Montag und ich habe einen wirklich wichtigen Termin um acht Uhr im Büro. Den kann ich mit Sicherheit nicht wahrnehmen, wenn das so weitergeht. Ich klage in dem Zug, in den ich nun einsteige, dem sehr jungen Schaffner mein großes Leid. Er blickt mich mitleidig an. Naja, sagen wir: er blickt eher, als würde er mich gleich vernaschen wollen, aber ich kann das jetzt nicht gebrauchen. Er schaut mitleidig – tun wir mal so. Ich höre nach zehn Minuten eine Durchsage, dass Personen, die ins gleiche wundervolle Tal müssen wie ich, sich in Wagen neun einfinden sollen, um einen Taxi-Gutschein abzuholen. Gott hat mich erhört. Oder der Schaffner hat mich für scharf genug befunden. Je nachdem, ich glaube heute alles. Gut, dass ich morgens doch noch einen Lidstrich gezogen habe. Dass Wagen neun sich am anderen Ende des sehr, sehr, sehr, sehr langen Zuges befindet, realisiere ich erst, als ich nach einer – gefühlt – dreistündigen Wanderung durch den ICE im „Service-Büro“ ankomme. Ich torkele vorbei an beinahe kopulierenden Jugendlichen, an schnarchenden Monumenten und an berauschten Menschenaffen im Speisewagen.

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Letztendlich bekomme ich einen Taxi-Gutschein und sitze mitten in der Nacht mit drei anderen Fahrgästen plus Fahrerin im Taxi – nach vielen Stunden Zugfahrt riecht der Dicke so, wie er aussieht. Macht aber nichts, wir fahren ja nur anderthalb Stunden. Die Taxi-Fahrerin fährt mich nach Hause – bis vor die Tür. Die Uhr steht mittlerweile bei einem Betrag, für den ich mir gerne meine nächste Handtasche kaufen möchte. Die Uhrzeit steht mittlerweile bei einer Zahl, zu der sich Schlafenlegen kaum noch lohnt. Endlich habe ich begriffen, warum die Preise der Bahn so teuer sind! Es macht betriebswirtschaftlich natürlich Sinn, die Kosten für Taxifahrten, Hotel-Übernachtungen und sonstige Erstattungen aufgrund von Verspätungen direkt in den Ticketpreis mit einzukalkulieren, denn das macht es möglich, großzügig Entschädigungen auszahlen zu können. Das ist ein nahezu genialer ökonomischer Ansatz!

Ich frage mich nun noch: Wenn ich einen Taxi-Gutschein bekomme, um nach Hause zu kommen, bekomme ich von der Bahn auch einen Friseur-Gutschein, um die grauen Haare tönen zu lassen – die grauen Haare, die ich dieses Wochenende einzig und alleine diesem Unternehmen zu verdanken habe? Liebe DB, ich freue mich natürlich über eine positive Rückmeldung. Meine Kontaktdaten erfragen Sie bitte im Service-Büro in Wagen 3029. Mein sich dort aufhaltender Assistent, von dem Sie die nötige Auskunft erhalten werden, wird sich jedoch um 25 Minuten verspäten. Und er wird nicht ausgeschlafen sein.

Ist Odysseus damals eigentlich auch Bahn gefahren?

Ein Kommentar bei „DB.“

  1. […] die Deutsche Bahn mein ganz besonderer Freund ist, habe ich nicht nur einmal manifestiert. Irgendwann wird man dann ja auch skeptisch und malt sich die fiesesten Dinge aus und spannt sein […]

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