November-Notorietät XVIII – Belgrad

Die Schönheit der serbischen Hauptstadt – Teil II

Auf Teil I folgt bekanntlich Teil II: Auf unserer Liste steht ein Concept Store, den wir dringend und unbedingt besuchen sollen. Also tun wir das und landen nach einem kurzen Irrweg im Concept Store Supermarket. Auch den erreichen wir fußläufig von unserem Apartment aus. In Belgrad kann man beinahe überall hinlaufen, es sei denn, man will nach Novi Beograd oder nach Zemun. Wir frühstücken im Supermarket. Hier in der Stadt frühstückt man keine Brötchen mit Marmelade. Ich weiß nicht, ob die Menschen hier überhaupt etwas frühstücken oder – angesichts der Körpermaße der meisten Belgrader – einfach nur Kaffee trinken. Meine Körpermaße interessieren mich derzeit herzlich wenig, deshalb frühstücke ich morgens meist Omelette. Damit kann ich mir meine veganen Vorsätze erstmal aufs Butterbrot schmieren. Außerdem gibt es in Belgrad überall die besten frischen Smoothies und Säfte.

Neben uns sitzen Amerikaner oder Engländer, ich weiß es nicht mehr genau. Jedenfalls wird fleißig am Mac gearbeitet. Wahrscheinlich irgendetwas super hippes und kreatives; hat irgendwie etwas von einer bekannten deutschen Großstadt. Als wir dann in den Store gehen, bestätigt sich das Gefühl weitestgehend: Ich muss an die Bikini Mall in Berlin denken. Wenn es hier auch etwa zehnmal kleiner ist und sich alles in einer einzigen Halle abspielt – das Konzept ist dasselbe, das Design ähnlich. Es macht Spaß, durch die Reihen und Tische zu laufen, aber kaufen tun wir nichts. Wir reisen mit kleinem Gepäck, der Platz ist zu gering bemessen.

Eigentlich wollen wir abends nach einem Abendessen im Casa Nova mit einer Schokomousse, in der man baden könnte – nackt und mit Weinglas in der Hand – auf ein Couchsurfing-Treffen, aber der Weg wäre so weit und wir sind völlig übersättigt. Auch der Rakija hilft nicht. Stattdessen laufen wir gemütlich ins Bohemian Quarter, die Skadarlija, wo wir bereits am zweiten Tag waren. Dort finden wir abends ein Restaurant, Guli, ein klein wenig abseits der Touristenstraße, wo wir noch mehr Alkohol trinken. Diesmal Wein und Cider. Später kommen wir noch einmal zum Essen her, es ist wunderbar. Wir sitzen draußen in einem kleinen Innenhof, der umringt ist von aus groben Steinen errichteten Mauern. Hier hört man auch das beinahe nervtötende Spiel der „traditionellen“ Musiker nicht, die sich auf der Skadarlija neben die Tische der touristischen Gäste stellen und ihnen direkt ins Ohr plärren. Irgendwie wirkt das aufgesetzt und anstrengend.

Am nächsten Tag sitzen wir mal wieder am Kalemegdan. Wir spazieren die Donau entlang, bestimmt 6 Kilometer, bis wir wieder oben sind. Es ist der perfekte Moment. Wir lesen, trinken Eiskaffee und im Hintergrund läuft leise Ed Sheeran. Das ganze verdammte Album. Himmelherrgottnochmal, manchmal passt aber auch alles. Nicht einmal hier oben, wo Hochzeiten gefeiert werden und Touristen ein- und ausgehen, sind die Getränke und Speisen überteuert.

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Wir planen ein Picknick, um den Sonnenuntergang erneut am Kalemegdan zu verbringen. Dafür gehen wir auf den Markt und stellen uns einer ungeahnten Herausforderung. Oh Wunder! – niemand hier spricht englisch. Als wir eine Tomate kaufen wollen, will uns der Herr am Stand nicht bedienen. Vielleicht weil wir nur eine kaufen wollen oder weil er einfach nicht versteht, was wir wollen. Nun gut, wer kauft auch eine Tomate? Aber bei den anderen Verkäufern haben wir Glück und sie lachen über (oder mit?) uns wegen unserer Verständigungsversuche mit vollem Körpereinsatz. Zeigen, Menge mit den offenen Händen andeuten, lachen, auf etwas anderes zeigen, den Preis an den Fingern abzählen. Ob wir bezüglich der Preise beschissen werden, kann ich nicht einschätzen. Alles hier ist so günstig – vielleicht zahlt der einheimische Belgrader noch günstigere Preise? Schließlich landen Fetakäse, Kajmak (etwas wie Schichtsahne), Ajvar, Brot und Obst mitsamt einer riesigen Wassermelone in unseren Einkaufstüten. Wir müssen schließlich eine Grundlage schaffen – heute Abend ist Pub Crawl. Wir treffen uns wieder unter den mahnenden Augen des Prinzen Mihailo und landen schließlich im Rakija-Himmel. Das Ausschlussverfahren nötigt mich dazu, in jedem der Pubs statt der anderen Getränke einen Schnaps zu trinken (wie viele Pubs wir besuchen, ist schwer reproduzierbar). Wieder bestätigen sich die besonderen Vorzüge des Honig-Rakijas. Für ganze zehn Euro bekommen wir bestimmt sieben oder acht Getränke. Ich frage mich die ganze Zeit, ob ich nicht auch Pub Crawl Guide werden sollte – einen effizienteren Job kann man sich nun wirklich kaum vorstellen. Schließlich landen wir auf einer Homo-Party. Im Nachhinein erfahre ich, dass in dieser Woche das Gay Pride Festival mit Parade in Belgrad stattfindet. Im nächsten Club, Tranzit, finden wir uns umringt von großen und schönen Menschen, die selbst um drei Uhr nachts noch anziehend aussehen. Ich trinke noch einen Gin Tonic mit Gurke und lasse mich treiben bis zum Morgengrauen. Als wir nach Hause laufen, fühle ich mich so sicher wie selten des Nachts in einer fremden Stadt. Sie schmiert mir um vier Uhr nachts ein Brot mit Ajvar und ich schmelze dahin ob der liebevollen kulinarischen Geste. Außerdem trinken wir Natron, auch das soll helfen, gegen böses Erwachen am nächsten Mittag nämlich. Siehe da – es wirkt. Und meine Liebe zu ihr steigt damit am nächsten Tag ins noch Unermesslichere.

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Die Straße, in der Oma früher gelebt hat, befindet sich nicht einmal zwei Minuten Fußweg von unserem Apartment entfernt. Heute wird sie Silicon Valley genannt, weil sich dort die aufgebesserten Damen von Herren in teuren Wagen aufgabeln lassen. Hier scheint der Reichtum zu Hause zu sein. Wir sitzen auch ein paar Mal hier und genießen den besten Schokokuchen in Mamma‘s Biscuit House oder frühstücken. Da wir ganz offensichtlich kein Geld in chirurgische Maßnahmen investiert haben, bekommen wir von der Balzerei nichts mit. Oma hat sich nicht genau erinnert, welche ihre Hausnummer war. Zwei oder drei, sagte sie, bevor ich geflogen war. Ich fotografiere also alle angrenzenden Häuser in der Hoffnung, sie würde eines davon wiedererkennen. Viel wahrscheinlicher ist aber, dass ihr Elternhaus nicht mehr steht. Als ich ihr, wieder zu Hause, die Bilder zeige, ist es tatsächlich nicht mehr ihr Haus. Aber sie kann mir zeigen, wo es gestanden hat. Und sie erzählt, wie sie von dort aus immer zum Kalemegdan und zur Schule gegangen ist.

Ich habe ihr nicht erzählt, wie die Straße heute genannt wird.

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