November-Notorietät XI – Belgrad

Die Schönheit der serbischen Hauptstadt – Teil 1

Ich hatte das dringende Bedürfnis, nach Belgrad zu fahren. Deswegen.

Und dann bin ich mit ihr geflogen. Nicht mit Omi, sie will nicht fliegen. Aber mit der besten Reisebegleitung für osteuropäische Städtetouren. Das zeigt sich bereits zu Beginn. Wir landen abends im Dunkeln am Flughafen Nikola Tesla und nehmen den Bus Richtung Altstadt, wo wir unser Apartment gebucht haben. Sofort überkommt mich dieses Gefühl der Fremde; es stellt sich in jeder Stadt auf dem Weg vom Flughafen zur Unterkunft ein. Es ist jedes Mal gleich und doch jedes Mal anders. Weil jedes Mal andere Schriftzeichen und Sprachen auf den Straßenschildern stehen. Jedes Mal sehen die Bäume anders aus. Die Architektur der Gebäude. Die Preise an den Leuchttafeln der Tankstellen. Die Plakatwerbungen.

Vom Umkreisen des Kreisverkehrs – zu Fuß wohlgemerkt – wird uns beinahe schwindlig, weil wir den richtigen Bus nicht finden, mit dem wir weiterfahren müssen. Die Straßenschilder sind fast alle auf Kyrillisch. Die Straßennamen auf dem Stadtplan sind in lateinischen Buchstaben. Ihre Osteuropa-Begeisterung bringt glücklicherweise Kyrillisch-Kenntnisse mit sich, sodass wir es zumindest schaffen, Straßenschild und Karte zu vergleichen und den Weg zum Apartment zu finden. In einem dunklen und heruntergekommenen Hinterhof treffen wir die Vermieterin. Als sie aufschließt, bin ich überrascht, was für ein Kleinod man in eine solch schmutzige Umgebung implantieren kann. Die Vermieterin empfiehlt
uns Restaurants, wo wir auf die Schnelle etwas essen können. Wir haben Hunger, es ist spät, wir sind bereit, alles zu essen. Wir landen bei einem Italiener. Eatalian. Ich habe gelesen, dass viele Serben kein Englisch sprechen. Ich bin gespannt, ob wir es schaffen, etwas Essbares zu bestellen. Es ist einfach. Die
Karte ist auf Englisch, der Kellner spricht Englisch; auch in allen anderen Restaurants, wo wir im Laufe unseres Aufenthalts landen, sprechen alle Englisch. Allein die Dame am Kiosk und die Verkäufer auf dem Markt können uns nicht weiterhelfen. Das Essen ist gut und wunderbar günstig und ich fange an, mich zu entspannen. Wir sind angekommen.

Am nächsten Tag beschließe ich, zum Friseur zu gehen. Ich habe gelesen, dass Dienstleistungen hier weniger kosten, ich fühle mich irgendwie experimentell und frage die Vermieterin, ob sie einen guten Friseur kennt. Es gibt an jeder Ecke kleine Salons, es wäre aber wie Glücksspiel, einfach irgendeinen zu betreten. So experimentell bin ich nun auch wieder nicht veranlagt. Natürlich kennt sie einen Friseur. Eine Freundin von ihr; sie macht sogar einen Termin für mich aus. Jelena spricht Englisch, ist aber nicht
besonders gesprächig. Ich habe das Gefühl, Belgrader sind im Allgemeinen nicht besonders kommunikativ. Sie zum Lachen zu bringen ist schwer – vielleicht bin ich aber auch einfach nicht so richtig amüsant. Ich versuche ihr zu erklären, was sie tun soll, aber ob sie verstanden hat, kann ich aus ihrem Blick nicht lesen. Eine Viertelstunde später sind meine Haare mit Chemikalien überzogen und ich lehne mich zurück und lasse es geschehen. Mittlerweile ist es ohnehin viel zu spät, um einzugreifen. Nach einer Stunde, also im Eiltempo, sind meine Haare einen Ton dunkler, drei Zentimeter kürzer und völlig glatt geföhnt. Ich habe ja bereits erwähnt, dass ich experimentell aufgelegt war. Für umgerechnet 45 Euro.

Nachmittags treffen wir uns zu einer Free Walking Tour am Trg Republike, dem Republic Square, vor der Reiterstatue. Prinz Mihailo überwacht von dort oben die Stelle, wo viele unserer Treffen in Belgrad beginnen.

Unser Guide Milica erzählt über die serbische Trinkkultur und schenkt von ihrer Familie selbstgebrannten Rakija aus, den sie mitsamt Plastik-Schnapsbechern aus ihrem Rucksack holt. Ich bin angefixt. Wir trinken ab jetzt jeden Tag Rakija. Nicht, weil ich ihn geschmacklich besonders überragend
finde, sondern weil ich das Gefühl habe, er hat beachtliche medizinische Wirkung. Und weil es so viele verschiedene Sorten gibt – zum Beispiel Apfel, Honig, Pflaume – muss ich mich natürlich durch die serbische Trink-Kultur probieren. Schließlich habe ich dem Fleisch-Konsum abgeschworen und kann nun keine Cevapcici mehr essen, die ich früher bei meiner Oma in Massen verspeist habe. Damit geht ein Großteil der einheimischen Kulinarik an mir vorbei und muss anderweitig ersetzt werden. Der Honig-Rakija hat sich den kulinarischen Favoritenplatz auf meiner Schnaps-Skala gesichert.

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Als wir uns – ich mit einem entrückten Lächeln im Gesicht – wieder auf den Weg durch die Stadt machen, erreichen wir schließlich Kalemegdan. Eine eindrucksvolle Festung – oder das, was davon noch übrig geblieben ist. Weiße Steine türmen sich zu massiven, meterdicken Mauern auf. Geht man ganz nach oben, sieht man die Stelle, wo Donau und Save sich vereinigen und die Kraft beider Flüsse zu einem verschmilzt. Es soll nicht das letzte Mal sein, dass wir hier oben sind. Wir sind noch einmal nachmittags dort, lesen stundenlang Die Zeit und trinken Eiskaffee. Wir sind abends dort, picknicken auf dem dicken Gemäuer, genießen unsere Markt-Einkäufe, mit nichts vor uns als der gewaltigen Kraft der beiden Ströme. Als die Sonne untergeht, fühlt es sich an, als hätte die Stadt uns diese Inszenierung geschenkt. Als wären wir in der ersten Reihe einer Darbietung, die uns die Schönheit der Stadt beweisen soll. Ach Belgrad, du musst mir nichts mehr beweisen. Du hast mich schon.

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Warum? Weil ich deine leise Melancholie in den grauen Gassen spüre. Vor der Kulisse deiner farblosen Gemäuer wirken die Frauen wie langstielige Rosen mit perfekt geschwungenen Blütenblättern. Deine Frauen sind wunderschön. Wenn Barcelona die Stadt der schönen Männer ist (das habe ich mit eigenen Augen gesehen), dann bist du die Stadt der schönen Frauen. Noch nirgendwo habe ich so viele große, schlanke Frauen gesehen, die mit ihren himmelhohen High Heels über die Gehsteige flanieren, mit leicht arrogantem Gesichtsausdruck und stolzer Haltung. Wer so aussieht, darf einen arroganten und stolzen Blick mit sich tragen.

Weil ich versuche, Oma zu sehen, wie sie als Kind durch deine Straßen gelaufen ist. Als noch keine Bomben einschlugen und die Hauswände keine Einschusslöcher hatten. Es wäre vermessen zu sagen, dass ich eine Verbindung zu dir habe. Ich glaube nicht an übernatürliche Verknüpfungen mit Heimatgefühlen nahestehender Verwandten. Dennoch fühlt es sich an, als wärst du meine Stadt. Deine sanfte Tristesse schmeichelt meiner steten unterschwelligen Schwermut, die sich über dem seligen Gefühl von Zurückhaltung auflöst. Wenn der Vorhang der Melancholie sich öffnet, zeigt sich der Abgrund
deiner Geschichte, der Schlund der Zerstörung, die Unergründlichkeit deiner Verletzungen. Deine Straßen haben viel gesehen. Und sie haben die kleinen, weichen Füße meiner kindlichen Ahne auf ihren harten Pflastersteinen gespürt.

Es geht weiter. Es gibt noch so viel zu sagen.

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