Phasenwechsel

Er könnte jederzeit mit irgendeinem Mädchen tanzen, könnte sie küssen und sie mit nach Hause nehmen. Er könnte sich sogar verlieben, einfach so. 

Es ist jetzt bereits über ein halbes Jahr her. Er muss längst nicht mehr jeden Tag an sie denken. Wenn es doch passiert, tut es nicht mehr ganz so weh. Es fühlt sich nicht mehr jedes Mal an, als würde ein dicht bedornter Kaktus auf seinen Herzmuskel fallen. Jede Woche regelmäßig wiederkehrend ist da dieser Moment, in dem er an sie denkt – genau dann, wenn er an dem Hotel vorbei fährt, in dessen Saal sie die letzte Abendveranstaltung zusammen verbracht haben. Er wird wehmütig, wenn er Bilder von ihnen ansieht; das tut er ab und an, vielleicht um sich ein wenig zu quälen. Vielleicht auch, um sich zu vergewissern, dass das alles wirklich echt war. Er hat erst jetzt alle Bilder von ihr und von ihnen
von seinem Handy entfernt. Nicht gelöscht, aber sicher verstaut, um sich ab und zu wieder quälen zu können. Manchmal, wenn er durch die Stadt geht, schaut er sich mehr um als sonst, weil ihm bewusst wird, dass er ihr jederzeit über den Weg laufen könnte. Vielleicht sogar im Arm eines anderen Kerls. Davor hat er Angst. Wenn er hört, wie jemand über sie redet, dreht sich der Kaktus in der Herzkammer einmal um. Es fühlt sich noch immer ein wenig so an, als würde dieser jemand über sein Mädchen sprechen.

Er hat vergessen, wie es war, jeden Tag neben ihr aufzuwachen. Er kann sich nicht mehr daran erinnern, wie es war, abends nicht alleine essen zu müssen. Er fühlt sich freier und fröhlicher, weil er mit niemandem mehr über Banalitäten streiten und ergebnislos diskutieren muss. Er muss niemandem
Rechenschaft ablegen, wo er ist und muss auch nicht darüber nachdenken, wo sie gerade ist. Er muss nicht mehr verzweifelt darauf warten, ob sie sich noch melden wird oder ihn einmal mehr einfach vergessen hat.

Er könnte jederzeit mit irgendeinem Mädchen tanzen, könnte sie küssen und sie mit nach Hause nehmen. Er hat das schon gemacht, aber es war eher ernüchternd als erfüllend. Er könnte sich sogar verlieben, einfach so. Er könnte alles tun und lassen, was ihm Spaß macht.

Manchmal aber, wenn er etwas sieht oder hört, was ihn an ihre Zeit erinnert, an eines dieser Bilder, die er verbannt hat und doch nicht aus dem Kopf bekommt, will er es ihr unbedingt sagen – bis ihm einfällt, dass das nicht geht. Manchmal will er abends einfach nur neben ihr auf dem Sofa liegen, um sie atmen zu hören. Manchmal möchte er morgens wieder vor ihr aufwachen, um ihr Gesicht anzusehen und sie in all ihrem Egoismus unschuldig zu finden. Manchmal will er so gerne wieder im Wohnzimmer Tip-Fox mit ihr tanzen. Manchmal möchte er so gerne wieder streiten.

Und wenn sie sich dann tatsächlich über den Weg laufen, ist es jedes Mal so anders, als er sich das beim Joggen ausgemalt hatte. Entweder findet er sie einfach nur anstrengend und möchte seine Ruhe vor
ihr haben, weil sie genau dieselbe ist wie noch vor einem Jahr. Oder aber er findet sie anziehend, und will mit ihr schlafen, weil sich die wohl bekannten Brüste so sanft ins Dekolleté schmiegen. Aber er merkt, dass da keine Verliebtheit mehr in ihm ist. Mag sein, dass er sie noch liebt, weil sie so lange Teil seines Lebens war, ein Fünftel eben jenes. Er wird sie wahrscheinlich für immer lieben, aus dem einfachen Grund, dass sie ein Teil seiner Seele ist. Sie hat ihn geprägt und sie hat sich in ihm verschmolzen.

Von Zeit zu Zeit wird er deshalb sentimental. Er wünscht sich an ihre Anfänge zurück. Er wünscht sich, verliebt zu sein und geliebt zu werden. Er wünscht sich jemanden, der ihm einen Genesungskorb vorbeibringt. Er wünscht sich Sex, den er sich nicht einen ganzen Abend lang mit charmanten Sprüchen und teuren Drinks mühsam erarbeiten muss. Er wünscht sich jemanden, der ihn auf die Stirn küsst. Er wünscht sich jemanden, der ihn fragt, wie es ihm geht. Er wünscht sich, dass jemand ihn ansieht.

Jemand. Nicht sie.

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