Pilates für Anfänger

Es ist so: ich gehe jede Woche in einen Pilates-Kurs. Bevor ich zum ersten Mal dorthin ging, dachte ich noch, Pilates sei der ayurvedisch-esoterische Komparativ von Yoga. Aber nein, ein Mönchengladbacher Auswanderer ist geistiger Schöpfer dieses – sagen wir mal – vertieften Beckenbodentrainings. Ich bin daher etwas entzaubert, zudem verwundert mich die Anwesenheit der männlichen Kursteilnehmer. Nicht, weil ich es wagen würde, typische männliche oder weibliche Sportarten definieren zu wollen, sondern weil mir die Ausführungen der Trainerin – „jetzt zieht mal den Tampon hoch“ – für Männer reichlich merkwürdig erscheinen. Pilates ist toll, ich habe das wirklich für mich entdeckt. Ich für meinen Teil bin höchst konzentriert bei den Übungen. Ich spanne meinen Beckenboden an, ziehe den Bauchnabel nach oben, versuche mich an der Flankenatmung und lasse, wenn nötig, den Po locker. Ich bin wirklich redlich bemüht und bei mir selbst. Und doch komme ich nicht umhin, Feststellungen zu machen. Diese männlichen Pilates-Adonisse bedürfen dringend einer Einordnung in meine gedanklichen Schemata.

Da ist der eine, der immer atmet, als würde er in Kürze ein Kind gebären. Die Atmung ist im Pilates tatsächlich zentrales Element, habe ich mir sagen lassen. Und die Übungen können durchaus anstrengend werden, das haben mir meine Muskeln geflüstert. Dennoch. Wir sind gerade bei der Entspannung nach einer sehr beanspruchenden Übung und liegen in der Embryo-Stellung. Er schnauft, als würde er gerade selbst durch einen Uterus gepresst werden. Oder als würde er Tennis spielen. Jede Woche kommt im Verlauf der Kursstunde irgendwann der Punkt, an dem ich gerne jemanden bitten möchte, dem armen Mann zu helfen. Ihn mit Sauerstoff zu versorgen oder Geburtshilfe zu leisten. Ich selbst möchte das nicht machen; ich helfe immer gerne, wo ich kann, aber – hallo?! Ich bin beim Pilates! Ich muss mich auf meine Atmung konzentrieren.

Dann ist da noch der Sagenumwobene. Er scheint ein echter Mythos zu sein, denn vor langer Zeit erzählte mir jemand von dem Mann im Ballettanzug. Seit ich mit dem Kurs begonnen habe, hat er nicht ein einziges Mal teilgenommen. Ich hatte die Geschichte beinahe vergessen. Nach einem halben Jahr meiner sportlichen Tätigkeit öffnet sich fünf Minuten nach Beginn der Stunde die Tür der kleinen Sporthalle und die Lichtgestalt tritt ein. Ein etwa ein Meter neunzig großer Mann, wohl Mitte vierzig und relativ schlank, jedoch wenig trainiert, erfüllt mit seiner Aura sofort merklich den Raum. Sein Leib umhüllt von einem hautengen, schwarzen Cat-Suit mit dreiviertel langem Bein, ärmellos und alles zur Schau stellend, was der Körper so zu bieten hat. Er ist nicht der Typ Mann, der so etwas trägt, weil er sich unwiderstehlich findet. Das sieht man an der klitzekleinen, runden Brille auf seiner Nase, die ihm die spröde Ausstrahlung eines Universitäts-Professors verleiht. Er trägt diesen Anzug wohl nur aus dem einen Grund: weil er maximale Bewegungsfreiheit bei minimaler Reibung ermöglicht. Ich glaube, ich sollte mal fragen, wo er den gekauft hat. Seit dem ersten Aufleuchten des Geheimnisvollen erscheint er immer wieder. Ich habe ihn nie sprechen gehört, keine Emotionen aus seinem Gesicht lesen können. Er ist tatsächlich ein Mythos. Wenigstens ist der Stoff schwarz und nicht glänzend.

Ab und an kommt auch der Typ mit dem Schweißband auf der Stirn. Der macht grundsätzlich etwas anderes, als die Trainerin vorne erklärt. Spricht sie ihn darauf an, gibt es Gründe dafür. „Ich bin Fußballer“ oder „das ist für mich besser so“. Im Prinzip ist es egal, ob er ins Pilates oder zum Fußball oder ins Ballett geht, er stellt sich seine Übungen wahrscheinlich immer nach Bedarf zusammen. Das würde ich als höchste Flexibilität bezeichnen – weniger körperlich als mehr gedanklich. Dieser Mann hat eines erkannt: Sport ist gesund. Eine tiefergehende Definition des Begriffes „Sport“ ist völlig unnötig, da er hedonistischer Freigeist ist, der Dinge nicht gerne in Schubladen steckt oder engstirnig kategorisiert (genau, im Gegensatz zu mir!). Wir bewegen uns im Rhythmus unseres Körpers, in Einheit mit unserer Libido; wir brauchen kein Label für unsere Körperlichkeit.

Ich bin zwar kein Mann, kann aber durchaus typisiert werden. Ich bin die, die am Grimassen schneiden und Geräusche machen nicht teilnimmt. Ich bin die, die den „Dreck des Tages“ nicht mit stimmvollen Lauten aus sich herauspresst. Ich bin die, die die esoterischen Anwandlungen der Trainerin, die sie von Zeit zu Zeit überkommen, nicht mit auslebt. Nicht, weil ich das grundsätzlich ablehne. Ich schneide gerne Grimassen. Ich singe auch gerne lautstark und schief. Ich mache gerne Ausdruckstanz. Ich kann mich wirklich gut zum Affen machen. Es gibt Beweise dafür. Aber ich will – an diesem einen Tag in der Woche – einfach nur Sport machen. Farbenfühlen ist nicht so mein Ding und ich habe auch nicht das Bedürfnis, irgendetwas aus mir heraus zu brabbeln. Meine Stressverarbeitung ist wohl eher mit einem Kompost vergleichbar als mit einer laut sprudelnden Toilettenspülung. Nach den unkontrollierten Bewegungen und Geräuschen der anderen Kursteilnehmer fühle ich mich immer etwas gestresst. Ich trinke zu Hause dann gerne ein Glas Rotwein.

Aber im weiteren Verlauf kann ich die Herren nicht mehr beobachten. Denn wenn die Stunde vorbei ist, legen wir uns flach auf unsere Matten. Die letzten fünf Minuten sind der Entspannung gewidmet. Ich schließe die Augen. Mit beruhigender Stimme harmonisiert die Pilates-Trainerin die Seelen der Liegenden. Ich denke gerade noch darüber nach, dass die aus der Sporthalle geliehene Matte – schätzungsweise bereits zwei- bis dreimal in Gebrauch gewesen – sicherlich genug Zellmaterial bietet, um daraus einen neuen Menschen zu formen. Notiz an mich selbst: Ich sollte mir dringend eine eigene Matte kaufen. Das nächste, was ich wahrnehme ist, dass meine Mattennachbarin mich am Arm stupst. Stop! Ich entspanne! Ich öffne die Augen wieder und muss feststellen, dass alle anderen sich bereits verabschieden und die Halle verlassen. Und ich dachte, ich wäre nur eine Millisekunde eingenickt.

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