Tag 33 von 46.

Sonntag.

Meine emotionale Bindung an den Sonntag hat sich in den letzten Jahren stärker verändert als die an irgendeinen anderen Wochentag. Und wenn ich emotionale Bindungen sage, dann meine ich das ganz genau so. Am Montag schält man sich nach dem Wochenende schwerer aus dem Bett, das war schon immer so. Der Mittwoch ist schon immer Bergfest gewesen. Am Freitag freut man sich aufs Wochenende, das war auch schon immer gleich. Das war in der Schule so, das war im Studium so, das ist jetzt bei der Arbeit so. Aber der Sonntag – der hat sich verändert. Als Kind fand ich den Sonntag meist sterbenslangweilig. Man musste sich viel mit sich selbst beschäftigen, weil das Treffen mit Freunden sich mehr auf unter der Woche konzentrierte. Mama und Papa ließen es sonntags auch ruhiger angehen. Nix los an diesen Sonntagen.

Als es dann losging mit dem Lange-auf-Bleiben, mit dem Weggehen, da war der Sonntag der Regeneration des geschädigten Körpers vorbehalten. Schlafen bis mindestens elf Uhr, dann rumhängen den ganzen Tag. Mehr ging einfach nicht.

Während des Studiums blieb dieser Teil des besagten Tages gleich. Zusätzlich war der Sonntag immer auch der Tag des Gehen-Müssens. Am Sonntagabend fuhr man von Freund und Familie wieder in die zweite Heimat. Das war leider etwas traurig, weil es mit Abschied verbunden war. Natürlich wurde der Sonntag auch genutzt für schöne Dinge, aber der ganze Tag war irgendwie von dieser schwelenden Traurigkeit überschattet.

Und heute? Ja, heute ist der Sonntag etwas ganz Besonderes und auf meiner persönlichen Hitliste der besten Wochentage ganz weit oben. Der Wochen-Höhepunkt hat sich mittlerweile vom Samstagabend auf den Sonntag verlagert. Heute ist der Sonntag mein heiliger Tag. Dadurch, dass man nichts tun kann, muss man auch nichts tun. Werktage (inklusive Samstag) sind die Tage des Müssens. Sonntag ist der Tag des Dürfens. Man kann nicht einkaufen, weil keine Geschäfte geöffnet haben, man putzt nicht, weil man leise sein soll, man macht alles irgendwie langsamer, weil die Welt sich langsamer zu drehen scheint. Aber man darf sich ausruhen, man darf Dinge tun, die einem Spaß machen, man darf auch mal zwei Stück Kuchen essen.
Mittlerweile denke ich bereits an den Sonntag, wenn ich am Samstagabend weggehe. „Nur nicht zu lange unterwegs sein“,denke ich, „sonst ist der ganze Sonntag kaputt.“ Ich habe keine Lust mehr, mich am Sonntag vom Vorabend zu regenerieren. Ich schlafe nicht mal mehr besonders lange am Sonntag. Ich will den Sonntag genießen, will das Frühstück zelebrieren, meinen Kaffee mit fluffigem Milchschaum trinken, mir weichgekochte Eier machen, auf meinem flauschigen Sessel in der Küche Platz nehmen und lesen oder Rätsel machen oder einfach in die Luft gucken. Und vor allem: nicht auf die Uhr sehen. Und wenn ich erst um 14 Uhr mit dem Frühstück fertig bin – na und? Am schönsten ist das Frühstück mit Freunden in Form eines Brunchs. Der kann gut und gerne mal bis nachmittags gehen. Und dann kann man sich ganz gemächlich zu einem Spaziergang fertig machen, durch die beinahe menschenleere Innenstadt laufen und Schaufenster anschauen, ohne in die Gefahr zu geraten, etwas kaufen zu müssen. Alternativ läuft man ein wenig durch den Wald, füttert Ziegen, Rehe, Wildschweine oder Enten, begutachtet die Wachstumsphasen des Maisfeldes am Wegesrand oder genießt einfach die Natur.
Natürlich sind auch andere Aktivitäten möglich, welche mit mehr Aufregung, aber meistens will ich die lieber am Samstag durchführen. Irgendwie ist der Sonntag also doch immer noch zur Regeneration da. Er soll nur nicht mehr den Vorabend kompensieren, sondern eher Kräfte für die kommende Woche herstellen. Und soll ich mal was verraten? Ich habe absolut kein schlechtes Gewissen dabei. Ich hänge gern nur so rum, lass mich treiben und spaziere ziellos umher. Ein schlechtes Gewissen, weil ich mich mal hinsetze und nichts tue, habe ich unter der Woche oft genug.
Nach dem Spaziergang bietet es sich übrigens an, auf dem Sofa Platz zu nehmen und dort den restlichen Tag zu verbringen. Fernsehen, lesen, reden; was das Herz begehrt. Bei schönem Wetter hat auch ein Platz auf Terrasse oder Balkon seinen Reiz. Ich glaube, man braucht das; diesen einen Tag in der Woche, der einen zur Ruhe kommen lässt, weil man das viel zu oft im Alltag vergisst. Manchmal muss man zu seinem Glück eben gezwungen werden. Weil man einen Tag in der Woche nicht kann, was man muss.
Mittlerweile steht auch der Tatort auf meiner Sonntagsplanung. Moment mal. Bin ich etwa spießig geworden? Oder langweilig? Oder gar alt? Mir doch egal. Ach, gäbe es doch mehr Sonntage in der Woche. Wie konnte ich nur jahrelang nicht merken, wie schön du bist, Sonntag?

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