Tag 17 von 46.

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Die Fastenzeit ist voller moralischer Konflikte. Was man denn nun als Verstoß gegen die eigens auferlegten Regeln betrachtet und was nicht, ob man irgendjemandem Rechenschaft darüber schuldig ist oder nicht.

Weitere moralische Dissonanzen beschäftigen mich derzeit beinahe jeden Tag. Für jemanden lügen, den man gar nicht kennt, um ihn vor den Konsequenzen seines eigenen Handelns zu schützen? Ich habe drüber nachgedacht. Aber ich habe mich dagegen entschieden. Aus moralischen Gründen.

Bei einem Vortrag vor etwa 50 Kindern mussten mehrere Fenster sperrangelweit geöffnet werden, weil eines der Kinder eine Allergie gegen den Teppichboden hatte. Die anderen Kinder saßen dafür mit Jacken und Mützen im Raum. Ist das moralisch korrekt?
Und heute, ja heute, hatte ich äußerst unmoralische Gedanken. Ich habe fast eine Katze geklaut. Ich habe heute nämlich etwas über eine japanische Insel gelesen, auf der auf einen Menschen sechs Katzen kommen. Eine Katzen-Insel. Mein persönlicher Traum von einem Paradies. Seit Jahren liege ich allen Menschen in meiner Nähe damit in den Ohren, dass ich dringend und unbedingt eine Katze haben will. Was heißt wollen – brauchen! Und dann lese ich von einer Katzen-Insel, ha! Mir fielen auch diese Katzen-Cafés ein, die es in größeren Städten gibt (nur leider zählt das Nest, in dem ich mich niedergelassen habe, nicht zu “größer”). In meinem Kopf waren Katzen, Katzen, Katzen. Ich kann keine Katze halten, ich habe nicht genug Freiraum. Und Hauskatzen sind keine Lösung. Auch dies aus moralischen Gründen. Ich habe hin und her überlegt, welches Tier alternativ als Haustier in Frage käme, aber letztendlich muss es zwei Kriterien erfüllen: es muss Fell haben und darf nicht stinken. Nach dem Ausschlussprinzip bleibt da tatsächlich nur die Katze. Weil mit so einem rattengroßen Hund – so toll ich das fände – würde ich mich nicht auf die Straße trauen. Ich mag es nämlich nicht, ausgelacht zu werden. Außerdem folge ich Instagram-Accounts mit Katzen und Tumblr mit Katzen. Und dann waren da diese Katzen. Auf dieser Insel. Und dann stand da diese Katze. Vor meiner Terrassentür. Ich habe mir gerade etwas zu essen gemacht – natürlich streng fastenkonform – da spürte ich, wie mich diese Katze beobachtete. Die war nicht mal besonders schön, aber sie war eine Katze. Ich hatte die Katze vorher noch nie gesehen und wusste nicht, wo sie hingehört. Auf einmal hatte ich den Gedanken, dass ich doch meine Terrassentür mal kurz öffnen könnte. Nur so, um zu gucken, was passiert. Ich habe überlegt, was Katzen so fressen. Nur mal so. Ich habe überlegt, was passiert, wenn ich der Katze jetzt was zu Fressen gebe. Nein, stimmt nicht. Ich habe nicht überlegt. Ich weiß genau, was dann passiert. Ich hab drüber nachgedacht, dass ich doch die Katze ein bisschen ausleihen könnte. Nur so. Damit ich sie mal streicheln kann, ab und an. Sie hätte ihr zu Hause in ihrem alten zu Hause und wäre bei mir zu Besuch. Das Katzenklo wäre ausgelagert, dafür könnte ich streicheln und kraulen. Die Katze hätte es wirklich gut bei mir, ich bin bestimmt eine sehr gute Katzen-Mutti. Nicht wie so eine alte Cat-Lady, sondern cooler. Und die Katze saß immer noch da und beobachtete mich. Ich bin ein wenig näher zur Tür und hatte schon die Hand am Griff, als ich mich selbst ermahnte. Ich sollte das besser lassen. Ich faste doch. Wenn nicht jetzt moralisch korrekt sein, wann dann?

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