Kalender-Kunst

Ich besitze ein iPhone, anderthalb iPads und einen Laptop. Man sollte meinen, das reicht zur Erfassung aller Gedanken und Eindrücke, die man irgendwie irgendwo speichern möchte. Aber nein, das ist mir nicht genug. Fräulein Wunderbaar will mehr. Ich will meinen Moleskine-Kalender zurück. In einen edlen schwarzen Ledereinband gehüllt, mit Seiten aus cremefarbenem Papier (ja, Papier, wie sehr ich dich liebe!) und viel Platz, um jeden Tag einen mindestens wertvollen, aber auf jeden Fall sehr inspirierenden Gedanken festzuhalten. In diesem schlichten und gleichermaßen eleganten Rahmen habe ich mich verkünstelt, habe Emotionen durchlebt und aufgezeichnet, habe Beziehungen beim Beginnen und Scheitern festgehalten – kurzum, ich habe meine Seele offen gelegt. Wenn mir langweilig war, habe ich einfach alle Gedanken aufgeschrieben oder aufgemalt, die ich gerade im Kopf hatte. Ich brauchte keine Angst zu haben, dass der Akku leer sein könnte oder mir jemand das Ding klauen würde; schließlich hatte es kaum materiellen Wert. Da waren einfach nur mein Kalender und ich. Alle meine alten Kalender sind noch immer in meinem Besitz; unversehrt und wie kleine Kunstwerke liegen sie in meiner Schreibtischschublade und warten darauf, alle paar Jahre wieder durchgeblättert zu werden. Da steht drin, was ich wann getan habe und zwar in aller Ausführlichkeit. Besonders wichtige Gegebenheiten sind mit kleinen Zeichnungen illustriert und zeugen von euphorischen Gefühlen oder einfach nur von fürchterlicher Langeweile.

Ach, Kalender, wie sehr ich dich vermisse. Leider habe ich diese Gefühle sehr spät entdeckt. Da die ersten drei Monate dieses Jahres angesichts des vollen iPhone-Kalenders scheinbar unbemerkt an mir vorbei gingen, fiel mir erst jetzt auf, dass ich mir 2014 das dritte Jahr in Folge keinen Kalender gekauft hatte und verspürte das dringende Bedürfnis, mir einen solchen doch noch zuzulegen. Dummerweise gibt es in keinem Geschäft Mitte März noch Kalender (außer sie haben sich gut vor mir versteckt oder sind geschmack- bis stillos). Immerhin ist das Jahr zu diesem Zeitpunkt schon wieder fast gelaufen. Ich bin darüber zugegebenermaßen etwas traurig. Daher muss hier mal Tacheles gesprochen werden: iPhone, ich bin böse auf dich. Du hast mir meine Kunst genommen: meine kleine, feine Alltagskunst, meine mehr oder vor allem weniger tiefgründigen Gedanken, meine Erinnerung. Jetzt steht da nur noch Ort, Zeit, Betreff. Ohne Schnörkel, ohne Adjektive (und die sind die Essenz der Sprache, wenn man mich fragt) und somit ohne Liebe.

Übrigens: Ich weiß, dass es super coole Apps zum Malen und Zeichnen und als Tagebuch gibt. Und dass ich sogar Fotos machen kann, die ja besser als jede Zeichnung sind. Aber mal ehrlich: Das interessiert mich nicht. ICH WILL PAPIER!!! Den nächsten Text schreibe ich mit Füller auf Seidenpapier und fotografiere ihn ab. So.

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