Puenktlichkeit: Zeit in Uhren gepresst

Es gibt auf dieser Welt genau zwei Sorten von Menschen: Die, die immer zu früh erscheinen und die, die immer zu spät kommen. Von den Zu-Spät-Kommern gibt es zudem noch zwei zu differenzierende Unterformen. Das sind zum einen die, die sich tatsächlich bemühen, pünktlich zu kommen und es dennoch aus unerfindlichen Gründen einfach nicht schaffen, sich zur vereinbarten Zeit am vereinbarten Ort zu befinden. Zum anderen gibt es aber auch die etwas unverschämt anmutenden Personen, die in Bezug auf die Zeit einen zutiefst entspannten Laissez-faire-Stil pflegen. Was so viel bedeutet wie: „Egal, wann ich komme, die anderen werden schon warten.“ Diese unbekümmerte Haltung setzt ein gesundes Selbstbewusstsein und ein tiefes Vertrauen in die Fähigkeit des Verzeihens der wartenden Person voraus. Apropos wartende Person: Das Zu-spät-Kommen des einen impliziert ja auch immer ein Warten des anderen. Unpünktlich zu einem Termin zu kommen ist sehr einfach – das Warten dagegen umso schwerer. Warten ist etwas Unerhörtes und in den meisten Fällen äußerst nutzlos und Nerven strapazierend. Warten muss man beim Arzt (da gibt es sogar ein „Wartezimmer“ – schon das Wort erzeugt doch schon eine unbändige Abneigung), auf die Bahn (da gibt es leider kein Wartezimmer mit bunten Klatsch- und Tratschmagazinen und wichtigen Informationen über Grippeimpfungen), hinter allen möglichen Schlangen, die sich vor Museen, an Supermarktkassen, an Ampeln und sonst wo sammeln. Wenn nun einer unpünktlich zu einem Termin kommt, weil er in einer dieser Schlangen warten musste, so heißt das anders formuliert, dass der eine warten muss, weil seine Verabredung warten musste. Das erscheint nun wiederum wie ein verzwickter Teufelskreis – Warten auf den Wartenden. Was diese hoch philosophische Erkenntnis nun zu einem besseren Zusammenleben in Sachen Pünktlichkeit beiträgt? Ich habe keinerlei Ahnung. Dennoch bin ich zutiefst fasziniert davon.

Zeit, wer bist du?

Eine weitere meiner tiefsinnigen Überlegungen zum Thema Pünktlichkeit zielt auf die Definition des Begriffes Zeit ab. Was ist denn die Zeit überhaupt? Ist das die böse Fee, die uns Falten ins Gesicht und graue Haare auf den Kopf hext oder ist sie die unberechenbare Größe, die verhindert, dass wir Dinge ungeschehen machen können? Nach meiner Auffassung ist die Zeit ein Gedankenkonstrukt, das sich der Mensch ausgedacht hat, um den Prozess des Fortschreitens des Lebens und ebenso auch des Verfalls in eine fass- und messbare Größe zu pressen. Schließlich wird diese dann in eine visuelle Darstellung übersetzt und nun tragen wir sie am Handgelenk und hängen sie an die Wand. Macht ja auch insofern nichts, als dass eine schöne Uhr als prestigeträchtiges Schmuckstück dient oder eben als wohnliches Accessoire Wände verschönert. Nun haben wir ständig vor Augen, wie unsere Zeit verrinnt, denn das Voranschreiten des Zeigers vermindert gleichzeitig die Zeit, die in unserem Leben noch vor uns liegt. Noch viel deutlicher zeigt uns das der Inhalt der Sanduhr, der unaufhörlich nach unten drängt, während die Zeit, die oben bleibt, sich verringert und verringert, bis sie ganz verschwunden ist. Unter diesem Gesichtspunkt ist doch das anmaßende Verhalten von Menschen, die ständig zu spät kommen, für den Wartenden um einiges dramatischer. Während man wartet, enteilt ungenutzte Zeit – einfach so, als wäre sie nichts wert.

Wie schön ist es dagegen doch, dass es Momente gibt, in denen die Zeit stehen bleibt. Dann spielen auch Termine und Pünktlichkeit keine Rolle mehr. Alles in allem würde ich wagen zu behaupten, dass sich die Momente, in denen man warten muss, mit den Momenten aufheben, in denen die Zeit vor der überwältigenden Schönheit des Augenblicks stehen bleibt. Schließlich kommt es doch stets darauf an, wie das Zeitempfinden des Einzelnen funktioniert. Minuten erscheinen oft wie Stunden, Tage vergehen wiederum wie im Flug. Was bedeuten also die Strecken, die ein Zeiger auf der Uhr zurücklegt, wenn es sich doch eigentlich ganz anders anfühlt? Damit sollen nun aber nicht die Menschen entschuldigt werden, die ständig unpünktlich sind. Auch wenn in deren Kopf die Zeit vielleicht wirklich öfter mal stehen bleibt. Auch Uhren scheinen da meist nichts zu bewirken. Es gibt auch Mitmenschen, die meinen, wenn sie ihre Uhr absichtlich um fünf Minuten vorstellen, sind sie in der Lage, einen pünktlicheren Lebensstil führen zu können. Jetzt mal im Ernst: Diese Leute veräppeln sich doch selbst. Wenn man weiß, dass die Uhr fünf Minuten vorgeht, dann weiß man gleichzeitig auch, dass man sich noch fünf Minuten Zeit lassen kann. Viel sinnvoller wäre es doch, einem unpünktlichen Menschen unwissentlich alle Uhren vorzustellen. Dumm nur, dass es kaum ein Fleckchen auf dieser schönen Erde gibt, an dem sich keine in welcher Form auch immer geartete Uhr befindet, die dann doch die richtige Uhrzeit anzeigt. Uhren scheinen uns umzingelt zu haben – in Handys, Computern, Telefonen, an öffentlichen Plätzen – und ticken bedrohlich von allen Seiten um unsere Köpfe. Dennoch gibt es Menschen, deren Ohren für das Ticken taub zu sein scheinen. Oder – so geht es mir immer wieder – vergessen, was diese Uhren uns denn genau sagen wollen. Man sitzt gerade über einem spannenden Artikel über irgendwelche unverzichtbaren Informationen oder fläzt im Sofa, vor einem intellektuell ansprechenden Fernsehfilm und weiß, man müsste jetzt eigentlich los, sich fertig machen, in die Schuhe schlüpfen und ins Auto hüpfen. Aber man kann es einfach nicht, der Körper scheint gefesselt zu sein. Oder ist es mehr der willenlose Geist, der sich fesseln lässt?

Besser spät als nie…

Da nun jeder Mensch ein anderes Zeitempfinden hat, stellt sich doch die Frage, wo eigentlich die Grenze des Hinnehmens aufhört, also ab wann man auch mal die Geduld und das Verständnis verlieren darf? Sind es schon fünf Minuten oder zehn, ist es eine viertel Stunde oder darf man sich erst ab einer halben Stunde ärgern? Oder fängt die Unverschämtheit in dem Moment an, wenn der eine den anderen nicht rechtzeitig über seine Verspätung informiert, das heißt schon ab der ersten Minute? Was der eine durchgehen lässt, ist für den anderen schon eine respektlose Unverschämtheit, die an den Nerven nagt und daher beim Eintreffen des Unpünktlichen für Unstimmigkeiten und einen unharmonischen weiteren Verlauf der Verabredung sorgt. Meiner Meinung nach ist Pünktlichkeit ein Zeichen des Respekts gegenüber dem Mitmenschen. Zwei, drei Minuten sind da vielleicht nicht so tragisch und oft auch nicht berechenbar. Meine persönliche Grenze sind etwa zehn Minuten. Dann werde ich langsam nervös und beginne mich zu ärgern. Das ändert sich lediglich dann, wenn ich weiß, wie lange ich zu warten habe, denn dann kann ich die tote Zeit vielleicht noch sinnvoll füllen. Die einzige Entschuldigung, die bei mir nun wirklich nicht durchgeht, ist „besser spät als nie“. Wenn ein Notarzt gerufen wird, um einen Menschen wiederzubeleben und der lässt sich eine halbe Stunde Zeit, dann sagt man doch auch nicht „besser spät als nie“. Das ist heuchlerisch und schlicht falsch.

Zeitmanagement ist alles

Neudeutsch nennt man die Fähigkeit zum pünktlichen Einhalten von Terminen Zeitmanagement. In dieser Disziplin ist derjenige König, der Termine und Fristen nicht zu früh und nicht zu spät einhält. Zu früh Termine einzuhalten oder Aufgaben zu erfüllen, ist leider auch nicht sinnvoll, weil man dann den gewissen Coolness-Faktor verliert, den das Fertigstellen auf die letzte Sekunde mit sich bringt. „Seht her, ich bin zwar unheimlich beschäftigt, schaffe es aber dennoch, meine Termine pünktlich einzuhalten“, scheint diese Arbeitsweise zu schreien, um den Überpünktlichen (und meist eben auch Fleißigeren) den Rang abzulaufen.

Noch vor ein paar Jahren war ich bemüht und strebsam, um stets pünktlich, oder sogar überpünktlich zu sein. Überall war ich mindestens fünf Minuten vor der Zeit am Treffpunkt. So unvernünftig – um nicht zu sagen naiv – bin ich heute nicht mehr. Fünf Minuten vor einem Termin anwesend zu sein, bedeutet nämlich einzig und allein, noch wenigstens zehn Minuten auf das Eintreffen aller anderen Personen zu warten. Keiner dank t es einem, wenn man zehn Minuten seiner Zeit verschenkt hat, weil man die Hoffnung nicht aufgibt, dass Gleichgesinnte mit einer auch nur annähernd ähnlichen Zeitbetrachtung existieren. Es scheint fast so, als würden einige Menschen Verabredungen nicht als verbindliche Zeitangabe betrachten, sondern lediglich als flexibel gestaltbare Richtlinie. Den Stress, den man sich oft macht, wenn man pünktlich sein will, kann man sich demnach auch sparen. Das mache ich mittlerweile auch – ich bin tiefenentspannt, bevor ich mich auf dem Weg zu einem Treffpunkt mache. Ich lese lieber zehn Minuten länger oder räume zehn Minuten länger auf. Das soll nun nicht bedeuten, dass ich notorischer Zu-Spät-Kommer bin. Ich komme lediglich nicht mehr zu früh zu Terminen.

Ich erscheine zwar auch hin und wieder zu spät, habe aber durchaus auch plausible Erklärungen dafür: „Ich habe mein Handy liegen lassen und musste nochmal zurück fahren“. Oder: „Meine Strumpfhose hatte eine Laufmasche und bis ich alle anderen Strumpfhosen auf ihre intakte Beschaffenheit überprüft hatte, hat der Zeiger einfach zwanzig Minuten übersprungen“. Oder: „Ich konnte mich zehn Minuten lang nicht entscheiden, ob die blauen oder die braunen Schuhe besser zur Bluse passen und habe mich nun für die schwarzen entschieden“. Wenn das keine Gründe für Unpünktlichkeit sind, dann weiß ich aber auch nicht. Jetzt muss ich aber los, damit ich pünktlich zur Mittagspause komme. Ein knurrender Magen verkürzt das Zeitempfinden so enorm, dass man auch mal – ob man nun will oder nicht – pünktlich kommt.

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