Der Daumen des Todes oder: Mein Freund, der Baum

Ich habe Pflanzen in meiner Wohnung, die haben es tatsächlich geschafft, mich zu überleben. Zumindest stehen die schon seit bestimmt einem Jahr hier und haben noch zwei, drei grüne Blätter. Das ist deshalb so erwähnenswert, weil ich eine Pflanzenmörderin bin. Nicht absichtlich, nicht mit Vorsatz, aber einfach, weil ich die Gewächse ständig vergesse. Ich habe ganz und gar keinen grünen Daumen, eher einen schwarzen. Einerseits ist es äußerst angenehm, stumme Mitbewohner zu haben, die schön aussehen und ihre Klappe halten, aber es wäre leichter für mich, wenn sich dieses Blätterdingens (ich weiß nicht mal, wie die Pflanze heißt!) oder die Orchidee (ja, die kenne ich) ab und zu mal zu Wort melden würde. „Ich bräuchte ein wenig mehr Sonne“ oder „Ich habe Durst“. Selbst wenn ich dann mal dran denke, eine Gießkanne zur Hand zu nehmen, schaffe ich es, die armen Geschöpfe zu ertränken oder die Erde so unter Wasser zu setzen, dass sie anfängt zu faulen und/ oder schimmeln.

Dabei finde ich Pflanzen toll. Ich schätze es sehr, dass sie unsere Luft reinigen und dafür eigentlich nur Wasser und Sonne benötigen. Heutzutage ist es doch als recht ungewöhnlich anzusehen, dass jemand oder etwas für so wenig Input so viel Output liefert. Ein Auto verlangt nach Unmengen an teurem Kraftstoff, bevor es sich dazu herablässt, sich von A nach B zu bewegen; ich selbst brauche ziemlich viel Kaffee und Bio-Futter, um mich in Arbeitshaltung zu versetzen; und dann sind da diese Pflanzen, die nur das wollen, was hierzulande meist zu genüge vorrätig ist. Nicht zu vergessen, die Pflanzen, die eigentlich so gut wie gar nichts brauchen. So ein Kaktus zum Beispiel. Der braucht nicht mal so richtig viel Wasser (das habe ich zumindest mal gehört).

Meine Oma erzählt mir immer wieder, dass sie mit ihren Pflanzen spricht und sie deshalb so prachtvoll und gesund aussehen. Ich sehe mich nur nicht so als Pflanzenbespaßer. Ich spreche lieber mit jemandem, der mir antwortet und zwar nicht mit Photosynthese (Chemie hab ich eh nie verstanden), sondern eher mit Worten und so Sachen. Aber ab und zu mal drüber streicheln, das wird sich schon einrichten lassen. Auch wenn ich mir saublöd dabei vorkomme.

Schnittblumen kommen mir auch selten ins Haus. Ich habe Mitleid mit ihnen. Wie makaber ist es denn, einem Bund Blumen das Leben zu nehmen (denn wie soll man das denn anders nennen?), nur damit man sich die in einer schicken Vase für etwa eine Woche in den Flur stellen kann? Auch wenn ich sie sehr gerne ansehe, der Gedanke an Mord, blutende Stiele und zitternde Blüten geht mir nicht aus dem Kopf. Aus diesem Grund stelle ich mir auch an Weihnachten immer einen Christbaum im Topf ins Wohnzimmer, weil diese abgesägten Dinger mir so leidtun. Obwohl der diesjährige Baum trotz Topf und Wurzeln und der damit verbundenen Möglichkeit, weiter zu wachsen, äußerst mitleiderregend war. Ich habe selten ein so hässliches Bäumchen gesehen. So schief, dass man meinen konnte, er lege sich gleich zum Sterben nieder und so asymmetrisch gewachsen, dass ich zunächst gar nicht wusste, wie ich die Kugeln und Lichterkette aufhängen sollte, dass es nicht an ein Kettensägen-Massaker erinnerte. Aber ich hatte mich beim ersten Anblick des nadligen Etwas verliebt. Schließlich war ich mir sicher, dass der Baum – wenn ich ihn nicht kaufen würde – auch sonst keinen Besitzer finden würde und zu weiß ich nicht was verarbeitet würde. Vielleicht hätte man Lasagne aus ihm gemacht oder zumindest irgendwas anderes gehäckseltes. Bei all diesen grausamen Bildern, die sich vor meinem inneren Auge abspielten, musste ich ihn einfach haben. Für 13 Euro sogar noch ein Schnäppchen. Nach der Weihnachtszeit habe ich ihn abgeschmückt und weitere vier oder fünf Wochen im Wohnzimmer stehen lassen. Ich habe ihn gegossen, wirklich!, und geprüft, ob die Erde die richtige Feuchtigkeit trägt, aber ich glaube, er hatte sich aufgegeben. Die Nadeln wurden langsam braun und er neigte sich immer tiefer zur Seite. Als meine Mutter einmal zu Besuch war, war ihr Kommentar zu meinem grün-braunen Freund: „ Also wenn ich diesen Baum den ganzen Tag sehen müsste, würde ich depressiv werden.“ Auch wenn mich das angesichts der nicht zu leugnenden Gefühle des Baumes sehr schmerzte, habe ich mich schließlich dazu durchgerungen, das nadlige Ungetüm auf die Terrasse zu stellen. Mitsamt Topf und meinen guten Wünschen für seine Zukunft in der freien Wildbahn. Da steht er jetzt seit ein paar Wochen und er hat tatsächlich noch grüne Nadeln. Vielleicht übersteht er den Frühling und den darauffolgenden Sommer und Herbst und vielleicht erwacht seine Lebensfreude wieder, sodass er über den Winter wieder ins Wohnzimmer einziehen und ich ihn mit kitschig-bunten Kugeln behängen kann. Das wäre dann ein untrügliches Zeichen dafür, dass ich nicht völlig versagt hätte. Und der Baum könnte mir so seine Dankbarkeit dafür zeigen, dass ich ihn damals vor einer grauenvollen Vernichtung im Häcksler gerettet habe. Mein Freund, der Baum – ich glaube an dich, ich glaube an uns.

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