Tag 23

Sie reißt sich so schnell die Kleider vom Leib, als würden sie auf ihrer Haut brennen. Die verwaschene blaue Jeans, die geringelten Socken, die sich darin verfangen haben, die weiße, verschwitzte Bluse, der ebenfalls weiße BH aus feiner Spitze und das dazu gehörige, etwas zu knappe Höschen landen auf dem Teppich im Badezimmer. Während sie den Haargummi aus dem langen, blonden Haar entwirrt, steigt sie in die Dusche und schließt mit der freien linken Hand die Glastür hinter sich. Noch einmal öffnet sie kurz die Schiebetür, um den Haargummi mit einer ruckartigen Handbewegung ins Waschbecken zu befördern. Und jetzt: Durchatmen. Ihr Brustkorb hebt sich beim Luftholen so kraftvoll an, als würde sie all die schweren, mühsamen Gedanken der letzten Wochen beim Ausatmen aus ihm herauspressen. Als sie das Wasser aus der Brause laufen lässt und die warmen Tropfen langsam über ihr Haar und ihr nach oben gerichtetes Gesicht laufen, vermischen sie sich mit großen, salzigen Tränen zu einem wilden Sturzbach. Die Tropfen laufen über ihren Körper laut plätschernd in die Duschwanne. Einige Sekunden steht sie einfach so da. Reinigend fühlt sich das an, wie die Tränen den Weg aus ihren Augen finden und sich mit dem Wasser, das mit einem harten Strahl auf ihren Kopf prasselt, zu einem Meer aus Angst und Wut und Enttäuschung vereint, um den Abfluss hinabgespült zu werden. In diesem Moment spürt sie sich – auch wenn das, was sie spürt, schmerzt und kaum erträglich ist. Aber es ist besser als diese Gleichgültigkeit, diese Leere, die sie wie ein Vakuum ausgefüllt hat und das Atmen so anstrengend und verzichtbar gemacht hat.

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