Tag 12.

Seit sie sich zusammen auf ihr ausgebeultes graues Sofa gelegt hatten, um den obligatorischen 20.15-Uhr-Film anzusehen, zupfte sie an ihren Fingern. Seit anderthalb Stunden hörte er das Abreißen kleiner Hautschuppen und das Schnippen ihrer Fingernägel. Der einzige heimelige Faktor an dieser Szenerie, der ihm noch einen Hauch des Wohlfühlens vermittelte, war die Recamière dieser Couch. Dort streckte er die langen Beine weit von sich, die Füße wie immer mit wollenen Socken umhüllt, bis zum Bauchnabel in eine Decke gewickelt. Warm und kuschlig eben, wie es auf einem Sofa sein sollte. Wäre da nur nicht sie. Dieses ständige, zupfende Geräusch ihrer Finger lenkte ihn von seiner so wohl verdienten Entspannung ab. Ihre Füße berührten die Rippen rechts an seinem Oberkörper. Sie hatte weder Socken noch Hausschuhe an, sodass sich ihm freie Sicht auf ihre Füße bot. Diese Zehen, die er vor ein paar Jahren noch süß und knubbelig fand, erinnerten ihn mehr und mehr an die eines Hobbits. Sein Blick schweifte nach oben zu ihrem Kopf. Ihre langen, dunkelbraunen Haare, durch die er damals so gerne fuhr und nach deren Duft er verrückt war, lagen nun einzeln verteilt überall in der Wohnung herum. Im Bad, im Bett, in der Küche, sogar wenn er seine frisch gewaschenen Socken aus der Waschmaschine holte, hatten sich unzählige Haare darin verknotet.

Klick. Klick. Klick.

Ein neues Geräusch löste das Zupfen ab. Sie hatte den Nagelknipser, den sie vor dem Film aus dem Badezimmer geholt und ordentlich neben Nagellack und Feile auf dem Couchtisch platziert hatte, zum Einsatz gebracht. Beinahe wäre ihm ein lautes Seufzen entfahren. Stattdessen rollte er nur kurz mit den Augen, was sie wiederum nicht sehen konnte, da ihre volle Konzentration gerade ihrem linken Daumennagel galt. Als er sich sein Wasserglas vom Tisch nahm und einen Schluck trank, hob sie den Blick und lächelte ihn liebevoll an.

Dieser Ausdruck in ihrem Gesicht versetzte ihm einen Stich. Eine Mischung aus Gewissensbissen und leise schwelender Aggression machte sich in ihm breit. Er versuchte sich an das Gefühl zu erinnern, das er damals noch hatte. Damals, als alles noch wild und romantisch war, als sie sich so sehr wollten, dass sie sich in einem solchen Moment, unter dem Austausch solcher Blicke, alles versprochen hätten. Wo auch immer all das nun war – er konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, dass es noch irgendwo in ihm schlummerte.

Chchchchchchchch.

Sie hatte angefangen, ihre Nägel mit einer Feile zu bearbeiten. Beim Gedanken an die feinen Staubpartikel, die sich trotz der Unterlage – der üblichen, Monate alten Frauenzeitschrift – auf dem Tisch, auf dem Sofa und auf dem Boden verteilte, erschauderte er innerlich.

Als sein Blick auf das kleine Fläschchen mit Nagellack schweifte, wusste er, was ihm jetzt noch bevorstünde. Sie würde in zwei bis drei Schichten, präzise und hingebungsvoll, ihren Finger- und Fußnägeln einen orangefarbenen Anstrich verpassen. „Nein, das ist kein Orange, das ist Korall!“ Was er noch vor einiger Zeit als gepflegt bezeichnete, machte ihn mittlerweile wütend. Der giftige Geruch des Lackes und die Tatsache, dass sie dieses Ritual jede Woche zweimal durchführte – mal mit, mal ohne Nagelknipser, mal mit, mal ohne Feile, meist noch vermischt mit den abscheulichen Aromen des Nagellackentferners. Und nie, wirklich nie, trug sie zweimal hintereinander die gleiche Farbe auf. Ein beachtlicher Fundus an Nagellackfarben erlaubte ihr diese flexiblen Gestaltungsmöglichkeiten.

Er konnte es nicht mehr ertragen.

Der Film war mittlerweile beim Abspann angelangt. Er hatte ihn nicht fünf Minuten am Stück konzentriert mitverfolgt. Er war viel zu sehr damit beschäftigt gewesen, sich über jede noch so kleine  Bewegung, jedes von ihr verursachte Geräusch zu ärgern – ihre Atmung, die ständig bewegten Finger, das Reiben ihrer Füße auf dem rauen Stoff des Sofas, ihr Lachen. Viel lieber würde er sich Gedanken darüber machen, wie gut ihr letzter Sex war – aber daran konnte er sich kaum noch erinnern. Nicht mal mehr, wann das war. Er überlegte kurz, ob es Sinn machen würde, noch einmal mit ihr zu schlafen, sie jetzt und hier auf dem Sofa einfach auszuziehen. Nur so, um zu sehen, ob er es vielleicht irgendwann vermissen würde. Er dachte auch an die weiche Haut ihres Gesichts, die er damals so gern gestreichelt hatte, immer mit der Angst, er könne sie mit einer unbedachten Bewegung verletzen. Nein. So sehr er es versuchte, es schien ihm unmöglich. All das. Sie.

Nachdem auch der Abspann des Films durchgelaufen war, griff sie sein Glas, nahm einen großen Schluck daraus und betrachtete ihre frisch lackierten Fingernägel. “Warum nimmt sie nicht einmal ein eigenes Glas?”

Und dann fragte sie: “Und jetzt?”, völlig unbedeutend und weitaus punktueller gemeint, als er dies nun verstand. Es war ein: „Und jetzt? Was machen wir jetzt, nachdem der Film aus ist?“ Er verstand das als „Und jetzt? Was machen wir jetzt, nachdem unsere Beziehung so aussieht?“

„Ich kann dir nichts mehr geben, es geht nicht mehr.“ Diese globale, allumfassende und alles zerstörende Antwort hatten wohl beide nicht erwartet. Er erschrak im ersten Moment selbst über seine Worte. Entsetzt, die Augen weit aufgerissen, sah sie ihn an. „Wie meinst du das, es geht nicht mehr?“

„Wir beide, das funktioniert nicht. Also nicht mehr.“

Als sie im Dunkeln über die Straße ging, achtete sie nicht auf die Autos, die dort fuhren. Keiner der Autofahrer hätte die Chance gehabt, sie in ihrem langen schwarzen Mantel auf der Straße rechtzeitig zu sehen, um bremsen zu können. Gänzlich unbewusst war ihr das nicht. Es war ihr nur einfach völlig egal – nicht, weil sie Todessehnsucht oder Suizidgedanken verspürte,  einfach nur totale Gleichgültigkeit. Als sie die Straße überqueren wollte, kam ein Auto gefährlich nahe. Zunächst war sie, anhand der Form der Lichter und der vermeintlich zu erkennenden  typischen Stromlinienform des Wagens, der Meinung, das sei ein Porsche 911.  Daraufhin schoss durch ihren Kopf nur ein Gedanke: „Wenigstens bin ich von einem Porsche überfahren worden. Das sollte dringend auf meinem Grabstein stehen.“ Sie schloss die Augen, stellte sich einen Grabstein mit ihrem Namen und dem bedeutsamen Spruch darunter vor, mit bunten Blumengestecken und Kränzen darauf, und verlangsamte ihren Schritt. Ein kurzes, lautes Quietschen und der durchdringende Klang einer Hupe. Der Fahrer hielt in etwa 30 Zentimeter Abstand vor ihr an. Rechtzeitig, jedoch äußerst knapp. Durch die Scheibe konnte sie ihn aufgebracht schimpfen sehen. Und dann die Ernüchterung. Das war kein Porsche, sondern einer dieser Möchtegern-Sportwagen, die sie mit dem Prädikat „Prolo“ versehen hätte. „Gut, dass er mich nicht erwischt hat. Sonst wäre nicht mal das Ende denkwürdig gewesen. Überfahren von einem Mazda-Cabrio.“ Sie atmete einmal tief durch und ging weiter.

Ein Kommentar bei „Tag 12.“

  1. […] Tag 12. („Diese Zehen, die er vor ein paar Jahren noch süß und knubbelig fand, erinnerten ihn mehr und mehr an die eines Hobbits.“ Kurzgeschichte.) […]

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