Lesbaar im März // Carmen Korn: Töchter einer neuen Zeit

Ich finde, es ist mal wieder Zeit für was Lesbaares! Ich habe zu Weihnachten ein für meine Verhältnisse ziemlich dickes Buch geschenkt bekommen und habe es endlich zur allerletzten Seite geschafft. 

Der Roman hat nämlich über 500 Seiten und bei mir ist sonst bei 300 Seiten Schluss (außer bei Anna Karenina, aber dafür habe ich ja auch zwei Jahre gebraucht). Ich lese eigentlich lieber mehrere kurze Bücher, dann kann ich in kürzerer Zeit mehrere Geschichten miterleben. Ich bin BWLerin, da denkt man effizient. Carmen Korns Töchter einer neuen Zeit hat aber in sich irgendwie schon mehrere Geschichten, denn es geht um vier Frauen, ein paar Nebenprotagonisten und deren Leben. Begleitet werden sie von Korn von 1919, kurz nach dem ersten Weltkrieg, als Deutschland und auch die jungen Frauen Lina, Henny, Käthe und Ida sich wieder aufrappeln, bis 1948, als die meisten der Romanfiguren den zweiten Weltkrieg überstanden haben.

„Im März wirst du schon einunzwanzig.“
„Und du wirst es übermorgen. Höchste Zeit also, dass du Rudi heiratest. Ihr seid schließlich seit zwei Jahren zusammen.“
„Er will ja.“
„Und du nicht?“
„Das ist mir zu bürgerlich,“ sagte Käthe.

Es war nicht die Sprache, die mich bei dem Roman gepackt hat, die ist nämlich eher schlicht, unaufgeregt, schnörkellos – ich würde fast schon pragmatisch sagen. Ich bin ja eher so der Typ Leser, der von sprachlicher Gewandheit Gänsehaut bekommt. Deshalb bin ich zu Beginn schwer in das Buch gekommen, aber die Freundin, die mir das Buch geschenkt hat, fand es so gut, dass ich durchhalten wollte. Gut so. Denn nach den ersten fünfzig Seiten oder so hat Töchter einer neuen Zeit mich gepackt, weil – und das ist nun der Vorteil eines so seitenreichen Buches – man diese vier Frauen über Jahrzehnte begleitet, ihre Träume und Sehnsüchte teils beim Sich-in-Wohlgefallen-Auflösen beobachtet, teils aber auch beim Wahrwerden. Weil man Ida mit ihrem reichen Scheiß-Ehemann sieht und dann wieder mit ihrem chinesischen Liebhaber, weil man sich über Linas harmonische lesbische Beziehung freut, weil man mit Henny weint, als ihr Mann sitrbt und sie dann einen nationalsozialistisch gesinnten Lehrer heiratet, weil man mit Käthe angespannt auf die Rückkehr ihres kommunistischen Mannes erst aus Dänemark und dann aus dem KZ wartet. Und dann liest man von der Reichskristallnacht, von den Bombenangriffen auf Hamburg, von Gestapo-Besuchen, von einzelnen Worten, die zu Verhaftungen und jahrelangem Verschwinden führen.

Kurz vor eins brach die Hölle los. Kaum mehr ein Moment der Stille zwischen den Detonationen, die den Zementboden zittern ließen. Kalk fiel von der Decke, die zu glühen anfing. Das Haus brannte. Feuer fraß sich vom Dach durch die Stockwerke. es konnte nicht mehr lange dauern, bis alles über ihnen zusammenbrach.

Vor allem hat mich dieser Roman berührt, weil man eine klitzekleine Ahnung davon bekommt, wie die Nationalsozialisten an die Macht kamen. Denn natürlich spielt der geschichtliche Rahmen zwischen und während ersten und zweiten Weltkrieg eine entscheidende Rolle. Wie  beängstigend die Entwicklungen waren, die zu unmenschlichem Moralverfall führt und damit schon wieder den Kern des Menschen darstellt.

Die Willkür, mit der Menschen als nicht würdig befunden werden, in der restlichen Gesellschaft zu leben, ist so unfassbar absurd. Menschen werden geächtet, weil sie mit irgendeinem Hintergrund geboren sind, der jemandem nicht passt. Es geht nicht darum, ob sie etwas gut oder schlecht gemacht haben – normalerweise ist Strafe ja eine Methode für fehlerhaftes Verhalten. Aber dafür, wo man herkommt, kann man ja nichts. Also rein gar nichts. Es ist ja nicht so, dass ich das alles nicht gewusst hätte, aber das in einem Roman zu lesen, beschrieben über mehrere Jahre, mitten in der Lebenswelt ganz normaler Menschen, das hat mich erschreckt, ja. Und wie.

Und das Thema ist aktueller denn je, so habe ich das Gefühl.

Ich habe beim Lesen Angst bekommen. Angst, weil ein paar Situationen mich an Ereignisse und Aussagen erinnert haben, die ich so auf Facebook lese, oder an Aussagen von Parteimitgliedern gewisser braun angekackter Parteien, die sich in ein blaues Gewand hüllen. Das ist erschreckend. Und für mich geht damit die Frage einher, ob ich da nicht vielleicht doch mal was machen sollte. Also nicht nur ich, sondern wir alle, die die grundlegenden Menschenrechte achten. Aber da muss ich wohl noch einen separaten Artikel schreiben.

Ich habe das Buch weggelegt und konnte nicht schlafen. Ich glaube nicht, dass das Carmen Korns Intention war, dass der Leser sich am Thema Drittes Reich aufhängt, aber ich kann nicht anders. Das ist meine Lesart. Lest es selbst, dann findet ihr eure eigene. Es wird gut sein, dass das hier eine Trilogie ist und ich weiterlesen kann. Ich werde bestimmt berichten.

Infos zum Buch

Carmen Korn: Töchter einer neuen Zeit: Roman
Erschienen bei rororo 2017

560 Seiten
ISBN: 978-3-499-27213-4

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