Notstand

Ich bin kein Skifahrer. Nie gewesen. Trotzdem bin ich auf diese Hütte ins Pitztal gefahren, ehrlich gesagt bin ich zum ersten Mal im Winter auf eine Hütte gefahren. Ich hatte noch überlegt, ob sich das überhaupt lohnt, für eine Nacht nach Tirol zu fahren. Aber das war mir dann auch egal, ich wäre schließlich eigentlich in Paris gewesen und wenn man nicht nach Paris fährt, sollte man – um nicht ins emotionale Unglück zu stürzen – nicht alleine daheim sitzen. Ich wollte dann eben ein bisschen im Schnee spazieren gehen, während die anderen Ski fahren und so Winterkram machen.

Und dann schneit und schneit und schneit es und die Autos sind auf einmal nicht mehr zu sehen und die Schilder mit der Warnung vor Lawinengefahr auch nicht.

Irgendeine offizielle Stelle, was weiß ich, was für eine Art Kommission das ist, sperrt die Straßen und ruft die höchste Lawinengefahrenstufe seit 20 Jahren aus. Und jetzt sitzen wir da, 20 Menschen in einer Selbstversorger-Hütte, zwei Kinder, eines davon braucht Windeln, die bald am Ausgehen sind. Die Vorräte waren glücklicherweise großzügig bemessen, aber doch nicht großzügig genug, um noch zwei weitere Tage 20 Menschen zu versorgen. Solch eine Situation – im Prinzip Lebensmittelrationierung – hatte ich noch nicht einmal in den drei Monaten Afrika erlebt. Da gab es immer zu Hauf, viel zu viel, immer Nachschub, notfalls wurde eines der herumlaufenden Hühner geschlachtet. Hier, neben der Hütte, steht eine einsame Kuh in einem kleinen Außengehege…

Das hat hier was von einem sozialen Experiment, vielleicht laufen wir gerade auf RTL 2 oder so. Die Straßensperrung wird immer um weitere vier Stunden verlängert, mittlerweile wird gar keine Uhrzeit mehr genannt. Einige fangen an, Schnee durch die Gegend zu schippen, einfach nur, um das Gefühl zu haben, es würde etwas passieren. Essen ist knapper geworden, wenn wir morgen nicht herunterkommen, kommt angeblich ein Hubschrauber und versorgt uns mit Lebensmitteln und Windeln.

Man muss natürlich trotzdem zivilisiert blieben, Körpergygiene ist trotz des Blickes ins Angesicht des Todes unverzichtbar. Wenn uns doch einer rettet, soll er ja nicht aufgrund des Gestanks wieder umdrehen.

Und dann stellen wir uns die wirklich wichtigen Fragen: Wenn wir uns dann doch bald gegenseitig aufessen müssen, wer wird dann zuerst verspeist? Ich, weil ich die einzige Vegetarierin wäre und angesichts der kannibalistischen Ernährung ohnehin bald verhungern würde? Oder würde erst der Dickste dem Hunger zum Opfer fallen, da er bei wenig Einsatz (nur ein Menschenleben) großen Output erzeugen würde? Oder dürfte jeder seine Problemzone in den Topf werfen?

Während ich also hier sitze und über Kannibalismus philosophiere, bin ich gezwungen, runterzukommen. Also innerlich; weil: vom Berg runterkommen – keine Chance. Ich habe ja keinen Laptop dabei, kann nur ein bisschen Mails auf dem Handy checken. Und irgendwie bin ich zutiefst beruhigt, dass die Natur den Menschen noch im Griff hat. Dass wir nicht alles kontrollieren können.

Ich frage mich ja schon, warum Amazon eigentlich nicht diese Drohnen-Geschichte umgesetzt hat. Die wollten doch innerhalb weniger Stunden Lieferung durch die Luft schicken. Wer also eine Drohne übrig hat, möge bitte Windeln, Obst, Gemüse, Nagellackentferner und ganz viel Haselnuss-Schnaps ins Pitztal fliegen. Dankeschön.

Wir tauschen jetzt erstmal mit den Bewohnern der einzigen Nachbarhütte Zigaretten gegen Essen.

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2 Kommentare bei „Notstand“

  1. Spitze. Lieben Dank für diese tollen Gedanken. Liebe Grüße Ruth vom Felsenhof im Pitztal.

    1. Es war super schön bei euch! Danke für die wundervolle Gastfreundschaft!

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