Weihnachten II – Völlig durchgedreht

Die Leute drehen zu Weihnachten doch alle völlig durch. Zum Beispiel der Nachbar meiner Eltern, der immer Anfang November mit einem Kran (oder war es eine Hebebühne?!) sein Zuhause liebevoll mit einem Lichtermeer schmückt.

Ich glaube, das soll Weihnachtsbeleuchtung sein. Ich glaube darüber hinaus, dass eine Leiter völlig gereicht hätte. Und dabei sieht das Haus danach noch nicht mal so schön bunt und blinkend aus wie diese Ami-Schuppen, die regelmäßig zu längerfristigen Ausfällen in Atomkraftwerken führen. Nein, dagegen ist dieses Haus sogar eher noch zurückhaltend. Aber Hauptsache, Hebebühne, schon klar. Bisschen durchgedreht eben.

Wer auch immer komplett durchdreht, ist dieser Typ mit der Zipfelmütze. Stets ein seliges Lächeln auf den Lippen, immer den gleichen roten Anzug am Leib und ein freudiges und sonores Hohoho rufend. Übrigens, jetzt mal ein paar ganz ernst gemeinte Fragen: Hat der gekifft oder was? Hohoho! Was genau bedeutet Hohoho? Ist das Kisuahili für Aus dem Weg du Penner, der Weihnachtsmann kommt mit seinem besoffenen Rentier? Und, noch eine Frage: Hat der Weihnachtsmann eigentlich nur einen dieser roten Anzüge, was bedeuten würde, dass er noch nie eine Waschmaschine von innen gesehen hat? Weil dann will ich nicht, dass der nachts bei mir einbricht und seine Duftmarke hinterlässt, egal, wie viele Geschenke der liegen lässt. Auf Gerüche reagiere ich sehr empfindlich. Und wie um alles in der Welt bekommt dieser Typ die ganzen Geschenke in den kleinen Schlitten – hat der Logistikmanagement studiert oder was?

Und an diesem einen Weihnachtsfest vor fünf, sechs Jahren, da sind mein Bruder und ich ganz still und heimlich auch kurz durchgedreht. Wir zwei beide sitzen in trauter Zweisamkeit nebeneinander auf dem Sofa, es ist Weihnachten, das Haus ist glitzernd-samtig geschmückt und gülden behängt. Im Fenster hängt ein Stern aus Transparentpapier, drin ein Teelicht, friedlich flackernd in einem kleinen Gläschen. Wir starren beide ganz besinnlich und beseelt auf dieses kleine Licht, das langsam ein wenig heller leuchtete und ein bisschen größer, wie das Licht an Weihnachten eben in unseren Herzen wächst. Nach etwa zwei oder drei Minuten stillen Bewunderns schauen wir uns beide tief in die Augen: Scheiße, die Laterne brennt, fuck, fuck, F-U-C-K!! Irgendjemand kam dann mit ein bisschen Wasser, um den sich selbst angekündigten Großbrand kurz vor seinem Ausbruch zu ersticken. Wir lachen heute noch über dieses Bild, das wir dann von uns haben; wenn wir uns gegenseitig immer wieder erzählen, wie wir paralysiert dem Teelicht beim Ausbreiten zugeschaut haben. Weißt du noch, damals.

Es gibt ja zugegebenermaßen auch tausend Gründe, an Weihnachten durchzudrehen: Glühwein, Familie, viel Familie, Last Christmas von Wham!, Weihnachtsgeschenke suchen und einkaufen, dabei ständig in der Gefahr sein, totgetrampelt zu werden – da hilft doch nur durchdrehen. Ich freu mich schon drauf, dass ich in Kürze endlich mal wieder durchdrehen darf, das ist ja außerhalb der Weihnachtszeit nicht in Ordnung. Aber jetzt, jetzt ist es gesellschaftlich akzeptiert, dass man beim Essen und Trinken durchdreht (ich sage nur: Fett, Kohlenhydrate, Zucker,Zucker, Zucker!), völlig durchgedrehte Musik hört (Rudolph the rednosed reindeer) und sich abgehackte Bäume in die Wohnung stellt. Also ich geh jetzt erstmal durchdrehen. Ich setz mir ne Zipfelmütze auf, rufe Hohoho durch die Stadt, stopfe mir 254 Plätzchen in den Mund und tanze barfuß um den Christbaum.

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