die geistige degeneration beim eintritt in elterliche sphären

Ich habe nächstes Jahr einen runden Geburtstag und ich werde weder zwanzig noch vierzig. Ich werde auch nicht zehn. Also ohne jetzt das genaue Alter zu verraten –  Menschen in diesem Alter kommen alleine gut zurecht. Also ohne Eltern. Das tue ich natürlich auch. Ich hänge meine Lampen allein auf, ich koche unfallfrei Curry und Apfelmus und veganen Schnickschnack und ich rufe eigentlich fast nie Zuhause an, ich brauche nicht ständig Kontakt. Aber irgendetwas ganz seltsames geschieht, wenn ich mich auf den Weg nach Hause mache.

Immer wenn ich ins elterliche Haus zurückkehre, geschieht etwas in mir. Ich verwandle mich zurück in das kleine Mädchen, das vor zwanzig Jahren in ihrem rosa-roten Kinderzimmer unter den wachsamen Augen einer Porzellanpuppe geschlafen hat. Ich bin schusselig und trampelig und vergesse Dinge. Ich glaube, meine Mutter wundert sich hin und wieder sehr, wie ich es schaffe, alleine zu leben. Zu überleben.

Kann ich was zu Essen haben?

Das geht mit ganz banalen Dingen los, zum Beispiel wenn ich bei meinen Eltern ankomme, habe ich grundsätzlich immer erstmal Hunger. Meine erste Frage ist immer: Kann ich etwas zu essen haben? Als würde ich alleine zu Hause verhungern (dass dem nicht so ist, sieht man ja) und wäre beim Kochen so talentiert, dass ich sogar das Nudelwasser verbrenne. Das stimmt aber so nicht. Ich bin wohlgenährt, mit allen lebenswichtigen Nährstoffen versorgt, mein BMI kratzt nicht gerade an der unteren Grenze und ich koche eigentlich ganz passabel. Zum Beweis koche ich auch manchmal was für meine Eltern; einfach nur, damit sie ein besseres Bild von mir bekommen.

Auf der Fahrt von meiner Wahlheimat nach Hause habe ich auch schon mehrfach umgedreht, weil ich irgendetwas wichtiges vergessen habe. Ich musste mal einen fast einstündigen Umweg machen, weil ich mein Handy vergessen hatte. Und einmal, weil ich meinen Pass vergessen hatte, den ich aber dringend brauchte, weil ich von meinen Eltern aus wegfliegen wollte. Ich vergesse solche Dinge sonst nie. Mein Handy habe ich immer in der Hand, wenn ich das Haus verlasse, und wichtige Dokumente habe ich ansonsten auch immer dabei, wenn ich sie brauche.

Ich habe schon mal meinen Schlüssel im Haus meiner Eltern liegen lassen, als ich mal kurz weg bin, die beiden sind aber auch kurz weg, zu meinem Bruder, der umgezogen war. Ich hatte mir aber leider auch die Adresse seiner neuen Wohnung nicht gemerkt, habe dank Telefonat und nettem Fahrdienst dann doch noch dorthin gefunden. Das ist ja schon etwas peinlich. Ich habe mich fast nicht getraut, meiner Mutter in die Augen zu schauen, aber gewundert hat sie sich bestimmt wieder. Wenn man – wie ich – alleine wohnt, muss man ja immer sehr genau aufpassen, dass man seinen Schlüssel nicht vergisst, schließlich ist so ein Schlüsseldienst extrem teuer und mein Ersatzschlüssel befindet sich schlauerweise zwanzig Autominuten von meiner Wohnung entfernt (den kann ich aber im Fall der Fälle ohne Auto mangels Autoschlüssel ja nicht abholen). Ich habe aufgrund dieser eher aussichtslosen Lage meinen Schlüssel noch NIE vergessen. Also wirklich nie. Ich kann mich da auf mich verlassen. Und vermutlich wundert sich meine Mutter, wie ich es schaffe, jeden Tag wieder in meine Wohnung zu kommen.

Wundervolle Weihnachtsfeiertage

Und dann war da dieses eine Weihnachten, an dem ich stundenlang zu Hause meinen Koffer gepackt habe, und als ich am Haus meiner Eltern ankomme und auspacken will, stelle ich fest, dass ich den Koffer in meiner Wohnung habe stehen lassen. Den Koffer vergessen! Meine Kleidung bestand in den Feiertagen also aus den für mich eigentlich viel zu engen Klamotten meiner Mutter (aber das schwarze enge Strickkleid, das meine Brüste zu einem Mörder-Dekolleté gequetscht hat, das kam ziemlich gut an). Im Zuge dieser Feiertage habe ich dann auch noch mit einem Knopfdruck auf der Fernbedienung alles, also wirklich alles, auf dem Fernseher verstellt und mein Vater hat sich eine Stunde mit der Rettung der Sendersortierung beschäftigen müssen. Ich habe dafür dann ganz viele Plätzchen gegessen, weil Essen – das kann ich. Gut, manchmal fällt was runter oder ich mache Schokoladeflecken aufs Sofa, aber grundsätzlich geht das ganz gut. Und wieder hatte meine Mutter einen Grund, sich über mich zu wundern.

Autoschlüssel-Reinigung

Einmal habe ich mich allerdings selbst übertroffen: Ich war ein paar Tage im Hause meiner Eltern und habe Wäsche mitgenommen, um sie dort in die Maschine zu hauen. Ein bisschen gerumpelt hat es in der Waschmaschine, aber gewundert habe ich mich nicht groß; muss wohl an der Maschine liegen, dachte ich. Jedenfalls mache ich mich, kurz nach dem Einschalten der Wäsche, auf die Suche nach meinem Autoschlüssel, der mitsamt allen anderen Schlüsseln an einem Bund hängt. Ich werde doch nicht denke ich und meine Mutter sagt Du wirst doch nicht und ich sage Ach Quatsch, so dämlich bin doch nicht mal ich. Und dann hole ich die Wäsche raus und greife in die Jackentasche und ziehe – na was wohl heraus? Jep. Einen Schlüsselbund. Meine Mutter steht nur daneben und guckt mich komisch an, ich will gar nicht wissen, was sie gedacht hat, aber sie muss mich ja trotzdem lieben, sie hat mich schließlich zur Welt gebracht. Um die Wohnungs- und Haustürschlüssel jedenfalls habe ich mir keine Sorgen gemacht, denen macht so ein bisschen Wasser und Waschmittel bestimmt nichts aus, aber mein Autoschlüssel ist doch einer von diesen Funkdingern oder wie auch immer die funktionieren, jedenfalls geht die Tür auf, wenn ich auf den Knopf drücke und ich denke nur Scheiße, jetzt kriegst du dein Auto bestimmt nicht mehr auf. Tatsächlich geht mein Auto sogar besser auf als vorher, die Batterie des Schlüssels war nämlich ziemlich am Ende und nun scheint der Kontakt wieder hergestellt zu sein oder was auch immer, jedenfalls funktioniert das Ding ganz wunderbar. Ihr braucht also nicht mehr auszuprobieren, was passiert, wenn man einen Autoschlüssel in die Waschmaschine packt, ich hab das für euch mal gemacht – rein im Dienste der Wissenschaft natürlich! Meine Mutter hatte auf jeden Fall wieder was zum Wundern.

Das Mädchen in mir

Ich weiß echt nicht, was das ist. Was passiert da in meinem Gehirn? Fährt das immer genau dann herunter, wenn mein Unterbewusstsein merkt, dass ich zu meinen Eltern fahre? Ist das ein Automatismus, der immer einsetzt, wenn ich die elterlichen Schwingungen spüre? Kriecht meine Hirntätigkeit in den Schoss der mütterlichen Geborgenheit zurück? Werde ich in der Nähe der rosa-roten Vorhänge und der genauso rosa gewandeten Puppe geistig wieder zur Zehnjährigen?

Vielleicht ist das tatsächlich ein wenig so. Weil früher, da haben meine Eltern ja auch immer für mich mitgedacht, da hat mich Mutter an alles erinnert, hast du deinen Schlüssel dabei, hast du dein Pausenbrot eingepackt, hast du deine Hausaufgaben mitgenommen und ich bin dadurch so tiefgehend konditioniert, dass mein Hirn sich heimlich denkt: Ha! Hier kann ich auf Sparflamme schalten, hier arbeiten andere für mich! Ja, super. Ganz großes Tennis. Als mir das bewusst wurde, habe ich versucht, gegenzusteuern, aber sagen wir, wie es ist: Mein Gehirn ist ein faules Scheißerchen. Nach ein paar Stunden gibt’s den Geist meist wieder auf und die Verantwortung ab. Aber ich bleibe dran. Vielleicht hat sich das zum übernächsten runden Geburtstag gebessert – das wäre sehr zu wünschen.

Wisst ihr jetzt, warum ich Fräulein WUNDERbaar heiße? Meine Mutter jedenfalls, die wundert sich bestimmt bald über nix mehr.

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