Ein neues Bild

52 Kameras. 1.404 Fotos. Unendlich viele Perspektiven. Die Zahlen des Projektes Ein neues Bild. Das Ziel: Die Perspektiven von Geflüchteten und seit längerem in Ravensburg Lebenden auf ihren Lebensraum fotografisch festzuhalten. Am 22. September findet im Rahmen der Kunstnacht Ravensburg die Vernissage in der Schule für Gestaltung statt, anschließend ist die Ausstellung bis 15. Oktober zu sehen. Warum ich euch das erzähle? Weil ich dabei war und es richtig gut fand.

Denise erwähnt vor ein paar Wochen ein Fotoprojekt, das mit Geflüchteten geplant ist. Ein neues Bild heißt es und es geht darum, wie Menschen, die schon länger in Ravensburg leben und Menschen, die nach ihrer Flucht hier angekommen sind, die Stadt sehen. Wie unterschiedlich sind die Perspektiven? Gibt es überhaupt Unterschiede? Da ich Integrationsprojekte sowieso für eine ganz wichtige gesellschaftliche Maßnahme halte und irgendwie schon länger im Kopf hatte, mal bei einem mitzumachen, kommt mir das gerade Recht. Und dann noch Kunst, da geht mir doch eh das Herz auf. 

Vier Tage Workshop sind angesetzt. Zuerst allgemeine Einführung. Was findest du schön? ist die Frage, nach der wir Collagen aus Zeitschriftenschnipseln zusammenflicken. Die erste kreative Aufgabe. Ich bin in meinem Element, aber wenn ich in meinem Element bin, dann bin ich im Flow und nicht ansprechbar, ich klebe hochkonzentriert Schimpansen und Wald und ein altes Schneideratelier aufs DIN A 3 Blatt. Als ich mir die anderen Collagen so ansehe, läuft mir bei der ein oder anderen ein Schauer über den Rücken. Vom Schriftzug Gang und Gewalt bis zur heilen Familie mit lachenden Kindern ist alles dabei. Wir lassen das so stehen, keiner muss sich für sein Bild erklären, warum er dies oder jenes aufgeklebt hat.

Fotografiere deinen Lieblingsplatz in Ravensburg.

Und dann arbeiten wir für die erste Aufgabe vor: Stelle dir deinen Lieblingsort in Ravensburg vor. Wie sieht es da aus? Wir zeichnen – die meisten mit eher dadaistischem Einfluss – diesen Ort aufs Papier und mein Wald sieht nicht wirklich aus wie ein Wald, aber als wir die Orte dann noch auf einer riesigen Karte der Stadt markieren, ist klar, was ich meine. Was wir meinen. Und dann gibt es die erste Runde Einwegkameras. Jeder bekommt eine, mitsamt dem Auftrag, den Ort, den wir gerade aufgemalt haben, fotografisch festzuhalten – auf 27 Fotografien. Das analoge Knipsen ist ungewohnt, man weiß nicht so recht, was man da fotografiert, schließlich sind wir es gewohnt, das Display zu checken und gegebenenfalls nachzujustieren. Oder zu löschen. Oder einen Filter drüber zu legen. Was wir aber machen, ist ganz roh, beinahe unkontrollierbar. Nicht umsonst sind auf meinen Bildern Füße, wo sie nicht hingehören, oder Unterbelichtung oder völlig schiefe Fluchten, wie sich später bei der Auswahl der Bilder herausstellt.

Fotografiere die Architektur an deinem Lieblingsplatz in Ravensburg.

Tag zwei. Nikita klärt uns über Architekturfotografie auf, wir schauen eine Reihe von Bildern an und diskutieren über Aufnahmen von Gebäuden. Was ist gut gemacht? Was könnte man besser machen? Schnell haben alle eine gewisse Vorstellung davon, was Architekturfotografie ausmacht und was es zu beachten gilt. Das ist auch gut so, denn es gibt gleich schon den nächsten Schwung Kameras mit Hausaufgaben. Diesmal sollen wir – Überraschung! – Architektur fotografieren, die uns in Ravensburg ge- oder auffällt. Was ich beeindruckend finde: Dass auch diejenigen mit bisher noch recht wenig Deutschkenntnis in der großen Runde mitdiskutieren, sich nicht scheuen, auch wenn der Satz grammatikalisch nicht richtig ist oder einzelne Wörter fehlen. Nur so lernt man doch eine Sprache. Ich glaube, ich hätte nicht den Arsch in der Hose. Meinen vollsten Respekt.

Fotografiere Dinge, die dir wichtig sind.

Tag drei. Produktfotografie ist heute unser Thema. Wieder gibt es eine Einführung, aber nur ganz kurz, wir machen uns nämlich gleich ans Werk. Wir bauen uns selbst eine Kehle aus Papier und Schnüren und üben uns im Knipsen von Dingen, die wir darauf legen. Bälle, Handys, Holzklötze, alles, was so rumliegt. Und dann drehen wir das Ganze noch ins Licht, schauen, was das mit dem Bild macht, machen die Handy-Taschenlampe an und knipsen weiter, was das Zeug hält. Manch einer liegt quer auf dem Tisch, um den richtigen Winkel zu schießen – das hier, das ist schließlich richtige Arbeit! Als wir in der Pause draußen stehen und feststellen, dass wir das Wort Flüchtlinge eigentlich eher blöd finden, versuchen wir uns in neuen Namen. Frischlinge. Früchtlinge. Wieder gibt es eine Kamera mit nach Hause, diesmal mit der Aufgabe, Dinge zu fotografieren, die mir wichtig sind. Damit tue ich mir am schwersten. Es gibt nicht mehr viele Dinge, die mir wichtig sind, eigentlich fast gar nichts Materielles mehr. Also fotografiere ich ein bisschen Gemüse, bevor es meinem Messer zum Opfer fällt, und ein paar Pflanzen.

Fotografiere die Menschen in deiner Umgebung, die dir wichtig sind.

Tag vier. Wir schauen uns Gesichter an. Wir fotografieren Gesichter. Jeder darf einmal auf dem Stuhl sitzen, der von allen Seiten beleuchtet ist und die Haut ebenmäßig ausleuchtet, wo man sich ein bisschen fühlt wie bei einem Paparazzi-Angriff. Irgendwie ist es unangenehm, wenn man da so sitzt und zehn Objektive auf einen gerichtet sind. Also lacht man ein bisschen verschämt und überspielt die Unsicherheit mit sinnlosen Kommentaren. Aber da darf jeder mal sitzen und weil ich finde, Gesichter sind etwas ganz wunderbares, weil da so viel Leben und Erlebtes drinsteckt, bin ich so fasziniert von den Menschen, dass ich fast vergesse, den Auslöser zu drücken. Nikita stellt fest, dass es im arabischen Raum üblich ist, dass Menschen, die fotografiert werden, sich eher ernst und sehr aufrecht und gerade positionieren. Aber wir können alle auch anders und wenn man die ungefähr zehn Nasen vor einem anschaut, wie sie einen knipsen und dann am Rädchen drehen, muss man ohnehin irgendwann lachen.

Und das war’s dann an Input, die Workshops sind vorbei. Schade, ich könnte das oft machen, mich mit Bildsprache und Perspektiven auseinandersetzen (nur fotografieren, das tue ich immer noch nicht gern). Wir nehmen die mittlerweile fast schon halb vollen Kameras wieder mit und halten weitere wichtige Menschen auf dem Farbfilm fest. Meine Omi muss dran glauben und meine Eltern, vielleicht findet ihr sie auch in der Ausstellung.

Fotografisches Finale

Nach den Workshops werden wir selbst auch noch fotografiert, und zwar professionell. Jeder einzelne, der am Projekt beteiligt war, bringt die Fotografen Jehle und Will aus Ravensburg zu seinem Lieblingsort. Die beiden haben Analog-Kameras dabei, damit das auch zum Projekt passt, sagt Steffen. Ich nehme ihn mit in meinen Wald, wo ich immer joggen gehe, wo ich schon stundenlang mit Wut im Bauch umherspaziert bin, bis sie kleiner wurde und kleiner. Das ist der Ort, wo ich mich wohl fühle. Zuerst stehen wir noch an der Veitsburg, Blick auf den Mehlsack, ich stehe verloren herum, erschrecke jedes Mal beim analogen Klicken der uralten Hasselblad und kann mir mal wieder nicht so genau vorstellen, was das wird. Man kann ja schließlich nicht nachschauen. Die Flüchtlinge gehen dann noch mit den beiden Fotografen ins Studio und machen Bewerbungsbilder.

Und jetzt?

Ansonsten, wie war das denn jetzt mit der Integration? Viel unterhalten habe ich mich vor allem mit Bashar, einem Grafiker aus Aleppo, Syrien. Er erzählt von seinen Kindern und seiner Frau, die in der Türkei sind und darauf warten, nachkommen zu können. Dann nimmt er seine Kamera, die er immer in der Hand hat und lässt seiner Kreativität freien Lauf. Halt das mal, sagt er und mir nichts, dir nichts, hat man eine Rolle Paketschnur in der Hand oder sogar im Mund. Ein paar Wochen nach den Workshops treffe ich Bashar wieder. Er sitzt draußen in seinem Lieblingscafé, ich freue mich, ihn wiederzusehen. Er ist einer dieser Menschen, die immer was zu erzählen haben. Mit den anderen habe ich während des Workshops ein oder zwei Sätze gewechselt, in den Pausen, wenn alle draußen standen. Nachdem das Projekt für uns erstmal beendet ist, finde ich das schade, ich wollte doch viel mehr Kontakte knüpfen und Menschen näher kennen lernen. Aber ich muss mich von meiner naiv-kindlichen Vorstellung verabschieden, dass nach einer Woche mit Fotografie-Workshops vollständige Integration und lebenslange Freundschaften entstehen; dass wir uns alle in den Armen liegen und unsere Interkulturalität feiern. Das passiert zum einen ja auch sonst selten, egal, in welcher Gruppe man sich befindet. Wir lieben und lachen ja nicht gleich jeden und mit allen, auch wenn wir auf eine Party eines Freundes gehen. Und zum anderen findet Integration nicht in einer Woche statt, man muss sich aneinander gewöhnen, die unterschiedlichen Arbeitsweisen verstehen lernen. Trotzdem glaube ich, dass wir alle etwas aus der Aktion mitgenommen haben. Es sind Kontakte entstanden, ein wenig mehr Verständnis bestimmt auf beiden Seiten. Und natürlich kann man so etwas nicht mit Kennzahlen messen. Wir hatten alle Spaß und wir hatten vor allem Spaß zusammen. Das ist doch mal eine gute Basis für alles, was da noch kommen mag. Ich hoffe ja sehr, dass dieses oder ein ähnliches Projekt wiederholt werden. Ich wäre auf jeden Fall dabei.

Ich habe noch keine Vorstellung davon, wie die Ausstellung aussehen wird. Ich darf mir aber mein Lieblingsbild aussuchen, das dann wohl in groß ausgedruckt wird. Es hat eigentlich überhaupt keinen Bezug zu Ravensburg. Es ist mehr eine Erinnerung an meine Kindheit. Für mich ist Kindheit Heimat.

Und Heimat – die kann schließlich überall sein.

Ausstellung:

Schule für Gestaltung
Kapuzinerstraße 27
88212 Ravensburg
22. September bis 15. Oktober 2017

Partner des Projekts sind das Amt für Soziales und Familie der Stadt Ravensburg, die Schule für Gestaltung Ravensburg, der Neue Ravensburger Kunstverein e.V., die Fotografen Jehle / Will und Andersn.de.

Auf Facebook findet ihr das Projekt natürlich auch. Und viele weitere Fotos in Action.

 

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