Mittsommernachtstraum

Habe ich eigentlich schon von meinem großen Abenteuer in diesem Sommer berichtet? Von meiner Nacht in der Wildnis? Nein? Dann aufgepasst, jetzt kommt’s. Leute, was war das aufregend!

Ich hatte mir diesen Sommer viel vorgenommen. Andere nennen das Bucket List, ich bin da nicht so der Listentyp und habe eine Schmonzette draus geschrieben. Jedenfalls wollte ich mal noch ein Abenteuer wagen und manchmal liegt der gefährlichste Dschungel ja direkt vor der eigenen Tür; also war mein von langer Hand geplanter Trip der in meinen eigenen Garten. Ich wollte draußen schlafen, in meinem Garten, neben dem Bach. Erst mal eine Nacht zur Probe und dann am liebsten jede Nacht. Ich wollte die kühle Nachtluft abends beim Einschlafen auf meiner Nasenspitze spüren und morgens, an der gleichen Stelle, die ersten Sonnenstrahlen. Neben mir wollte ich den Bach rauschen hören und vielleicht sogar ein paar Insekten zirpen.

Tja, Vorstellung und Realität driften manchmal so weit auseinander.

Den ganzen Tag schon hatte ich mich wie ein kleines Kind auf diese Nacht im Garten gefreut, das letztmögliche Wagnis des modernen Städters in freier Wildbahn. Mein Feldbett lag schon in der Küche bereit, ich klappte es auf und platzierte es in den bereits von Dunkelheit umhüllten Garten. Dann legte ich Kissen und Decke darauf und das Handy neben mich (falls nachts ein Wolf kommt und ich um Hilfe telefonieren muss). Da lag ich dann. In meinem Garten. Wie ich mich so umsah, wurde mir bewusst, dass die Nachbarn mich beim Schlafen beobachten könnten. Ich weiß nicht, wie das aussieht, wenn ich schlafe, ich habe so selten die Möglichkeit, mich dabei anzuschauen (ich schlafe dann ja meistens schon), aber mir gefiel auch die Vorstellung nicht, dass Menschen mich bei etwas sehen, was ich selbst noch nie an mir gesehen habe. Und am nächsten Morgen könnten sie mich allesamt beim Aufwachen begutachten, wie ich mit verquollenen Augen der Sonne entgegenblinzle und meine Haare schon mal Guten Morgen in alle Richtungen schreien und ihrem Ruf hinterhereilen. Nicht nur die Nachbarn in meinem Haus könnten mich sehen. Auch die vom Haus nebenan. Und die vom Haus gegenüber auch, auf der anderen Straßenseite. Dieser Garten war überhaupt nicht abgeschirmt, ich lag auf dem Präsentierteller. Ein Zelt wäre gut, dachte ich. Ich habe kein Zelt, dachte ich. Außerdem wollte ich doch im Freien schlafen, dachte ich.

Halt den Mund und schlaf endlich, dachte ich.

Der Bach ist aber ganz schön laut, ging mir durch den Kopf. Fast lauter als meine Gedanken. Kurzzeitig erinnerte sich mein Körper daran, dass er doch eigentlich immer und überall schlafen kann (ein großes Geschenk!) und tat es. Nach einer unbestimmbaren, jedoch weniger als einer ganzen Nacht andauernden Zeitspanne wachte ich wieder auf. Vielleicht bringt mir ja morgen jemand Kaffee vorbei, wenn sie mir schon beim Aufwachen zuschauen, überlegte ich mir. Aber vielleicht denken sich die Nachbarn auch, ich bin bekloppt. Wer schläft denn auf einem unbequemen Feldbett, wenn er ein super Bett, vollständig domestiziert, in Reichweite hat? Und dann fiel mir ein, dass ja die Terrassentür offen war, damit ich jederzeit wieder nach drinnen gelangen könnte; dass aber zugleich auch jeder andere einfach so an meinem schlafenden Ich nach drinnen vorbeispazieren könnte. Kurz bekam ich einen leichten Anflug von Panik (bis mir einfiel, dass es in meiner Wohnung eh nix zu holen gibt, nicht einmal eine schöne Brotzeit kann man sich da drinnen zusammenklauen).

Halt’s Maul und schlaf endlich ein, du elendiger Hosenscheißer, dachte ich.

Eine kurze, unbestimmte Zeitspanne später wachte ich erneut auf, geblendet von einem ebenso unbestimmten 300 Watt starken Scheinwerfer. Alter, dachte ich, was soll der Scheiß! Mach die Funzel aus! Ein Zimmer im Haus auf der anderen Straßenseite, vielleicht 250 Meter Luftlinie entfernt, veranstaltete wohl einen vorweihnachtlichen Erleuchtungsaufrüstungserstversuch. Nie in meinem Leben habe ich zuvor eine solche Wohnzimmerbeleuchtung gesehen. Ich sah auf mein Handy und auch, wenn meine Augen völlig verblitzt waren, konnte ich erkennen, dass es bereits 4 Uhr war. Als ich feststellen musste, dass ich selbst mit geschlossenen Lidern geblendet war, dachte ich kurz darüber nach, irgendetwas hartes, schweres nach drüben in die Festbeleuchtung zu werfen. Dann wiederum fiel mir ein, dass ich im Schulsport gerade so die zweistellige Meter-Marke im Schlagballwerfen geschafft habe und wollte nun auch keinen Stein in Nachbars Garten versenken. Ich warf mich hin und her – soweit ein Feldbett das unfallfrei zulässt – und wollte eigentlich nicht aufgeben. Aber mir ist mein Schlaf nunmal heilig, was denkt ihr denn, warum die Leute mich manchmal immer noch nach meinem Ausweis fragen, wenn ich in einen Club gehen will? Ich gab auf. Ich konnte nicht mehr. Nicht heute, nicht in meiner dünnhäutigen Verfassung. Schlafen – das war doch alles, was ich wollte. Ich packte Decke, Kissen und Handy wieder zusammen, klappte das Feldbett ein, legte es an seinen angestammten Platz in der Küche und legte mich erschöpft ins Bett. Ich schlummerte wie ein Baby und träumte, ich sei der Vollmond, der vom Heulen der Wölfe gepriesen wird.

Ich war noch nicht bereit für die Wildnis.

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