Lesbaar im September – Florian Illies: Anleitung zum Unschuldigsein

Ich liege seit fast einer Woche krank im Bett. Das ist zum einen blöd, weil ich mich natürlich auch krank fühle. Zum anderen ist das blöd, weil das einen wunderbaren Nährboden für ein schlechtes Gewissen bietet.

Florian Illies - Anleitung zum Unschuldigsein. www.frl-wunderbaar.deEin schlechtes Gewissen, weil man im Büro nichts fertig bekommt, weil Zuhause längst mal wieder geputzt werden sollte, weil man zu viel TV schaut, weil man auf Anrufe und geschriebene Nachrichten kaum reagiert. Und ich hatte ein schlechtes Gewissen, weil ich nicht gelesen habe, sondern stundenlang Netflix und Hartz-IV-TV geschaut habe. Es ging nicht. Trotzdem. Ich hätte doch.

Da kam mir dieses Buch gerade recht. Ich habe es noch vor meinem Knockout angefangen und als meine Augen vom auf den Bildschirm starren schon ganz viereckig waren, zu Ende gelesen (Moment mal, Bücher sind auch viereckig, was genau ist da jetzt der Mehrwert?). Illies breitet vor uns herrliche Gedankenkonstrukte aus, die das schlechte Gewissen in sämtlichen denkbaren Situationen logisch begründen. Ob man sich ein Taxi nimmt, einen Tramper nicht mit nimmt, dem Obdachlosen sein Obdachlosenmagazin nicht abkauft und so weiter und so fort – sich schlecht fühlen kann man sich immer und überall. Die Liste ist endlos; man kann aber auch viel falsch machen, wenn man einfach so vor sich hin lebt! „Problemzonengymnastik für den Kopf“ steht im Klappentext und um dem zu entsprechen, gibt es nach jedem der 23 Kapitel mit verschiedenen Situationen Übungen.

Übung: Wir lassen uns zum Abendessen einladen und sagen, wenn das Fleisch aufgetragen wird, dass wir leider Vegetarier sind. Als uns ein Salat gemacht wird, sagen wir, dass er leider nicht schmeckt, wir es aber gewöhnt seien, auf diese Weise ausgegrenzt zu werden.

Während ich lese, wie Illies an seinem freien Tag eigentlich so viel erledigen will und die Dokumentenstapel auf dem Wohnzimmertisch sortieren will, bis er wegen eines anderen Versäumnisses ein noch schlechteres Gewissen bekommt und sich zunächst darum kümmert, fühle ich mich gleich mit schlecht. Bei mir ist auch noch so einiges an Papierkram offen, ich sollte noch, ich müsste mal. Da ich derzeit nicht außer Haus kann, verpasse ich wenigstens die Situationen, in denen ich zusätzlich wegen anderer Personen ein schlechtes Gewissen haben müsste.

Ich bin froh, dass Illies das Buch bereits 2001 geschrieben hat und die Probleme unserer Zeit wie Veganismus, Fairtrade Kleidung etc. noch nicht bei ihm vorkommen – lediglich das Kapitel über Mülltrennung setzt hier an. Mehr davon und ich könnte eine Woche vor schlechtem Gewissen nicht schlafen.

Übung: Wir sagen ab Oktober allen Freunden und der Familie, dass wir uns in diesem Jahr nichts zu Weihnachten schenken sollten. Dann schenken wir allen Freunden und der Familie in diesem Jahr besonders üppige Geschenke und rufen alle am Morgen des 1. Weihnachtfeiertages an, um ihnen zu sagen, wie enttäuscht wir sind, dass sie tatsächlich nichts geschenkt hätten.

Ein nettes Buch für zwischendurch also, schnell gelesen, unterhaltsam, kann man mal machen. Muss man halt damit rechnen, dass man noch viel mehr Gründe kennenlernt, um ein schlechtes Gewissen zu haben. Die Gedanken sind da ja völlig frei. Und die Übungen tun ihr übriges.

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