Hodo- what?! Wie es sich anfühlt, als einziger Mensch auf dem Planeten nicht GoT zu gucken

Er hatte einen grob gewebten Umhang mit einer Kapuze um die Schultern und einen Stab in der Hand. Ich fragte ihn, was er darstellte, und er sagte nur Hodor. Ich guckte ihn verständnislos an und er guckte irritiert (oder betrunken?) zurück und lachte kurz, aber herablassend auf. Es muss Fasching 2012 gewesen sein, als ich die erste Game of Thrones-Schmach erleiden musste. Ich hatte nämlich keine Ahnung, wovon er sprach.

Vor etwa fünf Jahren, als nur ein paar vereinzelte Menschen Game of Thrones schauten, war es okay, nie eine einzige Folge gesehen zu haben. Da war es in Ordnung, nicht zu wissen, wer oder was Hodor ist. Aber heute – heute ist das nicht okay. Heute ist man wie diese Gruppe von Freaks damals in der Schule, die mit Glöckchen um die Knöchel durch die Gänge liefen. Nur, dass es keine Gruppe gibt, sondern man ganz alleine auf weiter Flur steht.

You’re in this thing alone. Bis heute; vor allem heute. Ich bin eine von denen, die NOCH KEINE EINZIGE Folge der Serie gesehen haben. Jap. Das ist möglich, ich bin der lebende Beweis. Wie? Leben? Wie kann man so leben? Ich verrate es euch: Es ist möglich, aber sinnlos, denn gesellschaftliche Ächtung, mitleidige Fragen nach meinem geistigen Gesundheitszustand und Ghettoisierung – so sieht mein Alltag aus. GoT nicht zu gucken, drängt dich an den Rand der Gesellschaft. Da bist du wie einer, der in einer Parfümerie nach Kuhdung riecht.

Irgendwann wirst du vom Sonderling zum totalen Außenseiter

Ich sitze zum Beispiel mit vier Leuten beim Abendessen und zwanzig Minuten lang geht es um die neue Staffel. Ich bin also raus. Zwanzig Minuten lang starre ich die Speisekarte an, bis ich sie beinahe auswendig kann, hole mein Handy aus der Tasche, scrolle Facebook durch, stolpere über sechsundvierzig GoT Memes, lege das Handy wieder weg, trinke einen halben Liter Most auf Ex und beobachte schließlich, wie die Wespe sich am Rand des Mostkrugs die Fühler putzt.

Das erinnert mich an damals, vor 15 Jahren. In der Sportgruppe guckten zwei von vier Mädels regelmäßig Charmed und anderthalb von zwei Stunden ging es bei den beiden nur darum, wer wen wie verhext hat und wer mit wem zusammen ist. Zum Glück war ich nicht alleine als Nichtschauerin und da ich ja schon immer ein Fuchs war, habe ich mir mit dieser anderen Freundin, die Charmed auch nicht anschaute, eine eigene Serie ausgedacht. The Secret hieß die und war ultra spannend. Natürlich, wir hatten sie schließlich selbst erfunden. Jedes Mal, wenn die beiden also anfingen, sich über die echte Fernsehserie auszutauschen, tauschten wir uns über unsere imaginäre Geschichte aus und lachen uns ins Fäustchen, weil die anderen nicht merkten, dass das gar nicht stimmte mit der Serie. Bis wir uns dann doch selbst verrieten.

Noch immer wehre ich mich mit Händen und Füßen dagegen, doch noch bei GoT einzusteigen. Nicht, weil ich es nicht will. Denn sind wir mal ehrlich: Ich bin ja gerne anders als andere, aber die Geschichte bockt mich schon. Ich wüsste zu gerne, was da passiert, warum alle das so unglaublich feiern. Ich bin neugierig und ich will mitreden. Aber ich kann nicht. Wenn ich einmal anfangen würde, wäre das mein Ruin. Mein suchtaffines Fernsehverhalten würde mich tage- und nächtelang ans Sofa fesseln, ich würde wie ein Kettenraucher von Episode zu Episode springen, die eine an der anderen anmachen, meine Beinmuskulatur würde sich auf ein Minimum reduzieren, meine Augen wären rot vom Starren und meine Nächte voller pelzbedeckter Träume – falls ich überhaupt schlafen würde. Als ich damals Sex and the City – bis heute meine absolute Lieblingsserie – geschaut habe, da war ich noch Schülerin, da hat man massig Zeit zum Bingewatchen. Ich habe infolgedessen alle Folgen auf deutsch, englisch und französisch je fünfmal gesehen. Aber heute habe ich einen Job und ich muss zum Sport und ich will Freunde treffen (was aber eigentlich keinen Sinn macht, wenn man bei GoT nicht mitreden kann), kurzum: ich habe ein Leben. Wie machen alle Leute das immer? Wie kriegt ihr das hin, so viele Serien zu gucken, ohne, dass euer Leben völlig außer Kontrolle gerät? Sagt mir, wie das geht, bitte! Die letzte Serie, die ich ganz geschaut habe, war Gossip Girl und ich war nur noch vorm TV, der ganze Sonntag hat sich auf die Fläche meines Sofas beschränkt und mein Sehfeld auf den Bildschirm. Ich konnte einfach nicht mehr aufhören. Abendelang hat mich dieser Sog aus Intrigen und Lügen und Leidenschaft und Reichtum gefangen gehalten. Erst, als alle Folgen durch waren, konnte ich mich wieder um meine Pflanzen kümmern (jetzt hätte ich fast geschrieben meine Katze gefüttert, aber ich habe ja gar keine Katze), mir was ordentliches zu Essen machen, Putzen, Schreiben, Rechnungen bezahlen. Ich meine, da landet man ja auch ganz schnell mal in der Insolvenz, wenn man da länger hängen bleibt.

Widerstand auf Zeit?

Wenn ich ganz ehrlich zu mir selbst bin, muss ich sagen: Ich möchte gerne wieder Teil der Mehrheitsbevölkerung sein, möchte sehen, was alle sehen; nicht der komische Kauz unter lauter Normalen sein. Ich möchte wieder am Tischgespräch teilhaben.

Ich möchte gerne, aber ich kann nicht. Es wäre zu gefährlich. Aber wer weiß, wie lange ich mich noch sträuben kann. Ihr werdet es merken, wenn ihr ein paar Wochen nichts mehr von mir hört. Prävention ist ja bekanntlich das A und O, um Sucht vorzubeugen! Also gar nicht erst anfangen!

Ich denke übrigens gerade drüber nach, eine Selbsthilfegruppe zu gründen für alle, denen es so geht wie mir. Bei Bedarf bitte bei mir melden.

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