Lesbaar im August – Gustave Flaubert: Madame Bovary

Ich hatte mir überlegt, dass ich Tipps für leichte Sommerlektüre geben könnte. Dann bin ich meine Buchliste so durchgegangen und habe festgestellt: Leichte Sommerlektüre ist nicht so meins. Irgendwie sind die Romane, die ich lese, immer ein bisschen melancholisch und düster und damit wenig strandtauglich. Es gab ein, zwei Bücher, die ich im Urlaub gelesen habe, die leicht und locker und luftig waren, aber eins davon war das schlechteste Buch, das ich je gelesen habe und eines davon hat sich völlig unvermittelt auf Seite 200 in einen Porno verwandelt.

Erotische Literatur ist ja schon schön, aber doch nicht auf einem Niveau von Fifty Shades of Grey. Dann habe ich darüber nachgedacht, eine Liste zu machen mit den schlechtesten Büchern, die ich gelesen habe. Ich hab’s aber nicht so mit Bashing und finde es eigentlich eher uncool, die Leistung eines Menschen (in die er ja sicherlich viel Herzblut gesteckt hat) an den Pranger zu stellen. Naja, also bleibe ich halt bei melancholisch. Wer pornöse Literatur lesen will, kann mich ja auch direkt kontaktieren, dann teile ich gerne den besagten Titel mit. Mein gerade frisch ausgelesenes und zugeklapptes Buch ist Madame Bovary von Gustave Flaubert. Das ist jetzt sicher nicht jedermanns Sache (sorry dafür), aber vielleicht gibt’s nächstes Mal wieder was moderneres, chilligeres. Es soll hier auch gar nicht nur um Madame Bovary gehen. Es soll um Frauen in der Literatur gehen, die Mitte bis Ende des 19. Jahrhunderts alle ein ähnliches Schicksal erleideten: Effi Briest, Anna Karenina, Julie d’Aiglemont und nicht zuletzt Emma Bovary. Sie alle haben das Ausleben ihrer Leidenschaft und Liebe mit ihrer Ehre oder sogar mit dem Leben bezahlt. Was mich so fasziniert hat an diesen Büchern war die Rolle der Frau in der Gesellschaft von etwa 1850 bis 1900.

Die Rolle der Frau im 19. Jahrhundert

Letztendlich ähneln sich die Geschichten in ihrer Grundaussage, aber alleine durch die Nationalität der Autoren (ein Deutscher, zwei Franzosen und ein Russe) und die verschiedenartige Detaillierung in der Beschreibung des Ehebruches unterscheiden sie sich doch so, dass es sich lohnt, sie alle zu lesen (sagt euch jetzt jemand, der Bücher aufsaugt wie ein Schwamm das Wasser. Vielleicht reicht Effi Briest. Oder Anna Karenina. Aber Madame Bovary ist schon auch gut. Ja okay, lest doch alle.). Pornös sind sie jedoch alle nicht, da muss ich gleich enttäuschen; da musste man damals wohl andere Schriften lesen. Was aber nun die Schnittmenge ist: Es geht in allen Werken um intelligente, schöne, interessante junge Frauen, die in unglücklichen Ehen gefangen sind und ihre Leidenschaft und Weiblichkeit darin nicht ausleben können. Da sind die teilweise um einiges älteren Männer mit Gleichmut oder Ignoranz oder eingeschränkter geistiger Entfaltung (nicht dumm, nur einfach) auf der einen und diese hoffnungs- und gefühlvollen, sich nach mehr sehnenden Frauen auf der anderen Seite. Dass das nicht funktioniert, ist dem Leser von Anfang an klar, aber wir sprechen hier von einer anderen Zeit, einer anderen Vorstellung von Moral und Werten. Da war nix mit großer Liebesheirat und so, da wurde der geheiratet, der Aufstiegschancen in der Gesellschaft bot und überdies halt gerade verfügbar war.

Und als diese Frauen dann herausfinden, dass sie in einem Käfig gefangen sind, vielleicht sogar in einem goldenen, sind die Verlockungen außerhalb des Gitters noch reizvoller und die Avancen anderer Männer noch interessanter. Dass sie dem irgendwann nachgeben ist weder überraschend noch unverständlich. Dass sie alle dabei irgendwann durchdrehen, ist auch irgendwie vorhersehbar. Leidenschaftliche Frauen neigen zu theatralischen Szenen, das war nicht nur damals so.

Das Fazit aller Geschichten in Summe: Vier gehörnte Ehemänner, zwei Selbstmorde, viermal gesellschaftliche Ächtung und ein totaler Bankrott inklusive Pfändung.

Was nach dem Lesen bleibt

Die Frau an sich hat in den vergangenen 150 Jahren bezüglich ihrer Rolle in der Gesellschaft nun doch einen erheblichen Fortschritt gemacht, wenn man das mal so betrachtet. Funktioniert eine Ehe nicht, ist eine Scheidung nicht der Untergang der Moral und endet auch nicht in Tod oder Ächtung. Die Frau darf ihre Sexualität frei ausleben und muss mit ihrem Verlangen nicht hinterm Berg halten. Dass auch Frauen sexuelle Bedürfnisse haben, das war damals schon latent klar, aber eigentlich nicht so richtig gewollt. Heute dagegen darf man darüber sogar öffentlich sprechen. Die vier Protagonistinnen waren auch schon vor über hundert Jahren davon überzeugt, dass eine Ehe mehr sein muss als nur ein Nebeneinanderherleben und Haushalt und die Versorgung der Kinder. Damit können die vier Frauen durchaus als Vorbilder gelten, als Vorreiter eines freieren Lebens für alle Geschlechtsgenossinnen. Auch wenn das wohl gar nicht ihr Ziel war, als sie doch einfach nur ihrer Leidenschaft gefolgt sind.

Warum jede dieser Geschichten von einem Mann geschrieben wurde, ist mir jedoch ein Rätsel. Und ich will mal behaupten, dass die Frauen in diesen Werken nicht schlecht wegkommen, besonders Flaubert und auch der andere Franzose, der Balzac, haben es auf zarte, einfühlsame Weise geschafft, die emotionalen Bedürfnisse einer jungen Frau literarisch aufzuarbeiten, ohne schmalzig zu werden. Woher sie sich damit so genau auskennen, kann ich mir nicht erklären, schließlich wurden diese Themen damals nicht so öffentlich ausgebreitet wie heute, wo sich jeder die Inspiration für schlüpfrige Themen sozusagen auf der Straße aufsammeln kann.

Nur eine hat es noch schlimmer getroffen: Könnt ihr euch noch an Emilia Galotti erinnern, das war nochmal hundert Jahre früher. Die wurde von ihrem eigenen Vater der Ehre halber ermordert, bevor überhaupt etwas passiert war mit dem Verehrer, der blöderweise nicht ihr Verlobter war. Scheiß Zeit damals.

Und als kurzen Einblick in die vier Bücher habe ich sie auf ein paar Zeilen zusammengefasst – voilà!

Theodor Fontane: Effi Briest

Effi Briest ist eigentlich auch Schulliteratur, ich habe es allerdings erst viel später gelesen. Schon seltsam, auf was für Ideen man so kommt – wenn man nicht mehr muss, macht man es irgendwie lieber. Jedenfalls, wie der Titel schon sagt, geht es um die junge Effi Briest. Als siebzehnjähriges Mädchen heiratet sie den mehr als doppelt so alten Baron von Innstetten, weil ihre Mutter ihr dringend dazu rät. Der allerdings behandelt Effi nicht nur wie ein Kind, sondern vernachlässigt sie zugunsten seiner karrierefördernden Dienstreisen. Das Mädchen vereinsamt langsam in dieser Ehe und geht eine flüchtige Liebschaft mit einem Offizier ein. Innstetten findet Jahre später die Liebesbriefe des Offiziers und bringt es nicht über sich, Effi zu verzeihen. Weil er sich so sehr seinem überholten Ehrenkodex verpflichtet fühlt, bringt er den ehemaligen Liebhaber im Duell um und lässt sich scheiden. Effi ist fortan gesellschaftlich geächtet; sogar ihre Eltern verstoßen sie. Erst Jahre später sind sie bereit, die inzwischen todkranke Effi wieder aufzunehmen. Fontane lässt zwischen den Zeilen lesen, nie beschreibt er körperliche Verbindungen, er erzählt subtil und zart. Hin und wieder muss man zweimal drüber lesen.

Sie fürchtete sich und war doch zugleich wie in einem Zauberbann und wollte auch nicht heraus. – „Effi“, klang es jetzt leis an ihr Ohr, und sie hörte, daß seine Stimme zitterte. Dann nahm er ihre Hand und löste die Finger, die sie noch immer geschlossen hielt, und überdeckte sie mit heißen Küssen. Es war ihr, als wandle sie eine Ohnmacht an.

Honoré de Balzac: Die Frau von dreißig Jahren

Weniger bekannt ist, so glaube ich, der Roman „Die Frau von 30 Jahren“: Erzählt wird vom Schicksal der jungen und intelligenten Pariserin Julie. Die junge Julie d’Aiglemont ist unglücklich mit einem ebenso eleganten wie oberflächlichen Reiteroffizier verheiratet, eine Ehe, die sie nur mit größter Selbstüberwindung ertragen kann. Obwohl aus der Verbindung eine Tochter hervorgeht, verläuft die Ehe unglücklich. Zunächst ergibt sich Julie in ihr Schicksal, doch als in dieses trostlose Zusammenleben der englische Lord Grenville tritt, knüpft sie mit ihm zarte romantische Bande; ihn liebt sie schon seit langem. Als dieser jedoch um ihrer Ehre willen bei einem (leider sehr unrealistisch konstruierten) Unfall den Tod findet, fällt sie wieder in ein tiefes Loch. Später beginnt sie eine geheime Beziehung mit dem jungen Diplomaten Charles de Vandenesse, dessen leidenschaftlicher Liebe sie auf Dauer nicht widerstehen kann. Balzac beschreibt Julies Leben weiter bis zu ihrem Tod im Alter von fünfzig Jahren. Das Ende des Buches ist zugegebenermaßen etwas verworren und unglücklich entworfen, aber das ist auch nicht der Punkt, um den es mir an dieser Stelle geht. Auch hier geht es um eine intelligente, junge Frau, die unglücklich mit einem Mann verheiratet ist und sich nicht anders aus der Misere zu helfen weiß, als geheime Beziehungen zu Männern zu unterhalten, um ihre Leidenschaft und ihr Frausein ausleben zu können.

Der wichtigste und entscheidendste  Schritt im Leben der Frauen ist gerade der, den eine Frau immer als den unbedeutendsten ansieht. Wenn sie verheiratet ist, gehört sie sich nicht mehr, sie ist Königin und Sklavin des häuslichen Herdes. […] Die Frauen emanzipieren heißt sie verderben.

Leo Tolstoi: Anna Karenina

Gott, was habe ich gebraucht, um dieses Buch zu lesen. Streckenweise habe ich mich gequält, manche Seiten nur quer gelesen, aber ich hatte den persönlichen Anspruch an mich, dieses verdammte Buch zu Ende zu lesen. Ich habe es nach etwa anderthalb Jahren dann auch tatsächlich geschafft. Für euch gibt’s den Inhalt jetzt halt auf ein paar Zeilen reduziert – ihr Glücklichen. Außen vor lasse ich jetzt einfach mal die anderen Personen und Beziehungen, die ebenfalls im Buch einen wichtigen Teil einnehmen, aber da es ja jetzt um Ehebrecherinnen geht, nur so viel:

Unglücklich mit einem strengen, disziplinierten und hoch angesehenen Regierungsbeamten in St. Petersburg verheiratet, verfällt die kluge und sanftmütige Anna beim ersten Kennenlernen dem jungen Offizier Graf Wronski. Zunächst wehrt sie sich gegen eine Affäre mit ihm, kann Wronskijs Werben allerdings nicht lange widerstehen. Bald verheimlicht sie die Affäre nicht mehr, lebt öffentlich bekannt mit ihrem Geliebten zusammen und ist bereit, dieser leidenschaftlichen Liebe alles zu opfern – sogar ihren Sohn. Von der Gesellschaft wird sie forthin als Ehebrecherin geächtet. Schlussendlich sieht Anna keinen anderen Ausweg mehr, als sich vor einen Zug zu werfen. Und aus diesem Totschläger (das Buch hat um die tausend Seiten) stammt der folgende, berühmte Satz:

Alle glücklichen Familien gleichen einander, jede unglückliche Familie ist auf ihre eigene Weise unglücklich.

Gustave Flaubert: Madame Bovary

Madame Bovary habe ich eben erst fertig gelesen und kam dann darauf, dass ich doch schon mehrere Bücher mit dem gleichen Thema gelesen habe – die unterdrückte Leidenschaft der Frau im 19. Jahrhundert. Worum’s hier geht: Die junge, romantisch verträumte Emma Rouault heiratet den Arzt Charles Bovary und zieht mit ihm aufs Land. Was sie sich zunächst als goldene Zukunft ausmalt, entpuppt sich bald als langweiliger Alltag; die Einfachheit ihres Mannes und sein fehlender Ehrgeiz ernüchtern sie schon bald und Depressionen und starke Stimmungsschwankungen überkommen sie. Doch dann geht sie eine intensive Affäre mit Rodolphe ein, nach seinem Abgang hat sie eine Beziehung zu dem jungen Léon, den sie noch aus früheren Zeiten kennt. Ständig ist sie auf der Suche nach Erfüllung, ersteht teure Luxus-Artikel, flüchtet sich in Literatur, Glauben oder Hausarbeit. Sie verschuldet sich und reißt ihren Mann mit in den finanziellen Ruin. Um dem ganzen Elend ein Ende zu setzen, schluckt sie in ihrer Verzweiflung Arsen. Ihr Mann Charles hält sie bis zuletzt für eine ehrbare Frau; erst nach ihrem Tod findet er die Liebesbriefe ihrer beiden Liebhaber und verzweifelt an seinem Schmerz, der ihn letztendlich ebenfalls in den Tod führt. Gewundert hat mich eigentlich nur, wie Emma es schafft, bei jahrelangem Beischlaf mit zwei Liebhabern nicht schwanger zu werden. Darauf habe ich eigentlich die ganze Zeit gewartet – vergeblich.

Sie stürzte sich darauf, schmiegte sich an, stocherte vorsichtig in der Glut, die zu erkalten drohte, sie suchte nach allem, was zum Anfachen dienen konnte; und die fernsten Erinnerungen wie die unmittelbarsten Anlässe, was sie empfand und was sie ersann, ihr Verlangen nach Lust, das sich verströmte, ihre Glückspläne, die im Wind knarrten wie abgestorbene Äste, ihre fruchtlose Tugend, ihre verkümmerten Hoffnungen, die häusliche Misere, alles raffte sie zusammen, alles nahm und alles benutzte sie, um ihre Traurigkeit zu schüren.

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